Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat am Sonntag das Militär angewiesen, die bestehende sogenannte Sicherheitszone im Südlibanon weiter auszudehnen. In einer Videobotschaft vom Hauptquartier des Nordkommandos in Safed sagte Netanjahu laut Reuters, Ziel sei es, die Bedrohung durch eine Hisbollah-Invasion abzuwenden und Panzerabwehrraketen der Hisbollah von der israelischen Grenze fernzuhalten.
Bereits vergangene Woche hatte Verteidigungsminister Israel Katz angekündigt, israelische Streitkräfte würden die Kontrolle über die Sicherheitszone bis zum Litani-Fluss übernehmen. Der Fluss mündet rund 30 Kilometer nördlich der israelischen Grenze ins Mittelmeer. Ob Netanjahus Anordnung über dieses Gebiet hinausgeht, blieb laut Reuters zunächst unklar. Das israelische Sicherheitskabinett hat die Maßnahme noch nicht beraten.
Hunderttausende im Libanon zur Flucht gezwungen
Israels Luftangriffe und Bodeneinsätze haben den Südlibanon nach Reuters-Darstellung in den vergangenen Wochen weitgehend vom Rest des Landes abgeschnitten. Demnach wurden mindestens sieben Brücken zerstört oder schwer beschädigt, davon sechs direkt am Litani, zudem seien Krankenhäuser, Wasseranlagen und Kraftwerke getroffen worden.
Zwei wichtige Kraftwerke im Süden seien außer Betrieb, ebenso zwei Wasserstationen, teils nach israelischen Angriffen, teils weil sie wegen der Kämpfe nicht mehr erreichbar seien. Die angekündigte Ausdehnung der israelischen Sicherheitszone bis zum Litani verstärkt damit die Sorge, dass der Süden militärisch abgeriegelt und die Versorgung der verbliebenen Bevölkerung weiter erschwert wird.
Nach Reuters-Angaben haben Luftangriffe, Kämpfe und die Vertreibung der Bevölkerung im Libanon bereits weit mehr als eine Million Menschen zur Flucht gezwungen.
Israelischer Vorstoß im Grenzraum
Nach Angaben der Times of Israel hat Generalstabschef Eyal Zamir drei Verteidigungslinien im Südlibanon festgelegt: die grenznahen Dörfer, eine zweite und dritte Linie von Ortschaften, aus denen die Hisbollah Panzerabwehrraketen abfeuern kann, sowie den Litani-Fluss, von dem aus Raketenangriffe auf Israel erfolgen.
Die 146. Division der israelischen Armee ist laut Times of Israel in den vergangenen Tagen im westlichen Sektor weiter vorgerückt. Die Truppen erreichten das Kap Ras al-Bayada südlich von Tyros, rund acht Kilometer nördlich der Grenze. Al Jazeera berichtete, israelische Einheiten hätten einen Zufluss des Litani südlich der Ortschaft Qantara erreicht. Der Korrespondent des Senders sprach von einer großen strategischen Veränderung, weil der Zufluss nur wenige Kilometer vom Litani entfernt liegt.
Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich hatte in der vergangenen Woche eine Ausweitung der israelischen Grenze im Norden bis zum Litani-Fluss im Südlibanon gefordert. „Die neue israelische Grenze muss der Litani sein“, sagte Smotrich im israelischen Radio. Die Äußerungen des rechtsextremen Politikers gelten als die bislang deutlichste Forderung eines Regierungsmitglieds nach einer möglichen Annexion libanesischen Territoriums.
Mehr als 1100 Tote im Libanon
Die Hisbollah war am 2. März in den Krieg eingetreten und hatte Raketen auf Nordisrael abgefeuert. Seitdem wurden laut Reuters mehr als 400 Hisbollah-Kämpfer getötet. Das libanesische Gesundheitsministerium bezifferte die Gesamtzahl der Toten im Libanon auf mehr als 1100. Das Ministerium unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. Auf israelischer Seite fielen laut Reuters vier Soldaten im Südlibanon.
Die UN-Friedenstruppe UNIFIL teilte am Montag den Tod eines Blauhelmsoldaten nahe Adchit al-Qusayr im Südlibanon mit. Ein weiterer Soldat wurde schwer verletzt. Von wem die Schüsse abgegeben wurden, sei noch ungeklärt, teilte UNIFIL laut Al Jazeera mit.
Netanjahu räumte laut Reuters ein, die Hisbollah verfüge weiterhin über Restkapazitäten für Raketenangriffe. Israel führe einen Kampf an mehreren Fronten gegen den Iran und dessen Verbündete, darunter die Hisbollah und die Hamas im Gazastreifen. Bürgermeister nordisraelischer Gemeinden kritisierten Netanjahu nach einem Treffen am Sonntagabend laut Times of Israel scharf. Sie warfen ihm vor, keine greifbaren Ergebnisse für den Schutz der Bevölkerung geliefert zu haben.


