Mit der Veröffentlichung eines internen Schreibens zu sexuellem Missbrauch Minderjähriger hat ein britischer Abgeordneter erneut eine hochsensible Debatte über organisierte sexuelle Ausbeutung und staatliches Versagen angestoßen. Rupert Lowe, früher Mitglied der Partei Reform UK und Gründer der neuen rechten Restore-Britain-Partei, stellte auf der Plattform X ein Dokument einer von ihm unterstützten privaten Untersuchung vor, die sich selbst als „Rape Gang Inquiry“ bezeichnet.
In dem Schreiben schildert eine anonyme Überlebende schweren sexuellen Missbrauch in Großbritannien, der nach Darstellung der Autoren bereits im Kindesalter begann und sich über Jahre hinweg fortsetzte. Beschrieben werden systematische Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel. Die Verfasser erklären, die Aussagen der Betroffenen seien über einen längeren Zeitraum dokumentiert worden, in sich konsistent und teilweise durch ergänzendes Material gestützt. Namen von Tätern oder konkrete Tatorte werden nicht genannt.
Zugleich erhebt das Schreiben schwere Vorwürfe gegen die britische Polizei und Behörden. Hinweise seien nicht konsequent verfolgt worden, Schutzmaßnahmen für das Opfer hätten versagt. Die Untersuchung fordert umfassende Ermittlungen durch staatliche Stellen. Es handelt sich jedoch nicht um einen offiziellen Bericht der britischen Regierung oder einer unabhängigen staatlichen Kommission, sondern um eine private Initiative, getragen von Politikern, einem Anwalt und Aktivisten.
A statement from the Rape Gang Inquiry. pic.twitter.com/mmlnToONX8
— Rupert Lowe MP (@RupertLowe10) February 23, 2026
Rotherham, Rochdale – und das lange Versagen der Behörden
Der Vorstoß fällt in eine Phase erneuter Aufmerksamkeit für sexuelle Ausbeutung Minderjähriger in Großbritannien. In Städten wie Rotherham und Rochdale hatten unabhängige Untersuchungen und Gerichtsverfahren bereits vor Jahren offengelegt, dass organisierte Gangs über lange Zeit minderjährige Mädchen systematisch unter Alkohol und Drogen setzten und sie dann sexuell missbrauchten. Mehrere staatliche Untersuchungsbericht stellten damals massive Versäumnisse von Polizei, Jugendämtern und Kommunen fest. In vielen dieser Fälle habe es demnach eine überdurchschnittliche Zahl von Tatverdächtigen mit südasiatischem Hintergrund gegeben, darunter viele Männer mit pakistanischen Wurzeln.
Auch jüngere Recherchen zeigen, dass das Problem keineswegs auf einzelne Regionen beschränkt ist. Eine im Februar veröffentlichte Recherche der BBC dokumentierte, dass in London kriminelle Banden minderjährige Mädchen gezielt manipulieren und sexuell ausbeuten. Betroffen seien häufig besonders verletzliche Jugendliche, teils bereits im Alter von 13 oder 14 Jahren. Polizisten und Sozialarbeiter beschrieben gegenüber der BBC ein erhebliches Ausmaß der Gewalt und sprachen von systematischer sexueller Ausbeutung.
Anders als in früheren Fällen im Norden Englands zeichnete die BBC für London jedoch ein heterogeneres Bild der Täterstrukturen. Demnach seien Gangs unterschiedlicher ethnischer Herkunft beteiligt. Eine pauschale Zuschreibung lasse sich nicht belegen.
Herkunft der Täter als Streitpunkt
Das von Lowe veröffentlichte Schreiben greift dennoch explizit die Frage der Herkunft mutmaßlicher Täter auf und spricht ebenfalls von überwiegend Männern pakistanischer Herkunft. Diese Einordnung ist politisch besonders brisant. Sie knüpft an eine seit Jahren geführte Debatte an, in der rechtspopulistische Akteure staatlichen Stellen vorwerfen, aus Angst vor Rassismusvorwürfen nicht eingegriffen zu haben.
Kritiker warnen jedoch davor, individuelle Aussagen oder nicht gerichtlich geprüfte Vorwürfe zu verallgemeinern oder ethnisch zu verengen. Auch staatliche Untersuchungen zu früheren Missbrauchsskandalen hatten zwar ein überproportionales Auftreten bestimmter Tätergruppen festgestellt, zugleich aber betont, dass sexuelle Ausbeutung kein einheitliches Täterprofil habe.

