Hauptstadt-CDU

Machtkrise im Roten Rathaus: Wie ein Tennis-Spiel Wegners Zukunft gefährdet – und die der Berliner CDU

CDU-Chef Wegner verliert nach Tennis-Skandal an Zustimmung. Das hilft den politischen Rändern. Und die Wahrheit könnte noch viel verheerender sein.

Absprung verpasst? Kai Wegner,  und Ex-Senatorin Wedl-Wilson.
Absprung verpasst? Kai Wegner, und Ex-Senatorin Wedl-Wilson.Bernd von Jutrczenka

Es gibt diese Momente, in denen sich politische Schwerkraft schlagartig umkehrt. Im Februar 2023 fuhr die Berliner CDU mit Kai Wegner ein Wahlergebnis ein, das bei den Hauptstadt-Christdemokraten lange als unerreichbar galt: 28,2 Prozent, klare Nummer eins, das Rote Rathaus zurückerobert. Drei Jahre später, im Frühjahr 2026, sind davon noch 21 Prozent übrig – und die SPD liegt bei 17 Prozent. Vier Punkte. Mehr trennt die regierende CDU nicht mehr vom kleineren Koalitionspartner.

Wer einen großen Bogen schlägt – etwa zurück bis zum Frühjahr 2024 – sieht das Ausmaß des Absturzes erst richtig: Im April 2024 lag die CDU laut Infratest dimap noch bei 27 Prozent, im Januar 2024 sogar bei 29 Prozent. Heute, zwei Jahre später, hat sie ein knappes Drittel ihrer Zustimmung verloren.

Die schwarz-rote Koalition verfehlt eine Mehrheit klar. Gleichzeitig zeichnet sich rechnerisch eine Konstellation ab, die in Berliner CDU-Kreisen panische Reflexe auslöst: SPD (17), Grüne (15) und Linke (15) kämen zusammen auf 47 Prozent – eine arbeitsfähige Mehrheit für ein rot-grün-rotes Bündnis 2.0, das viele Christdemokraten endgültig hinter sich glaubten.

Vom Stromausfall zur Vertrauensfrage

Der Bruch lässt sich scharf datieren. Am 3. Januar 2026 legte ein Anschlag auf eine Kabelbrücke im Berliner Südwesten Teile der Stadt lahm. Bis zu 100.000 Menschen waren mitten im Winter ohne Strom, ohne Heizung, ohne Kommunikation – der größte Blackout in Berlin seit Ende des Zweiten Weltkriegs. In solchen Momenten zeigt sich, was Regierungshandwerk bedeutet. Und in solchen Momenten zeigt sich, wie Regierungschefs dieses Handwerk ausüben.

Wegner erklärte am Tag danach, er sei „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen, habe sich „zu Hause in seinem Büro eingeschlossen, im wahrsten Sinne“. Das Bild des präsenten Krisenmanagers. Wenige Tage schon später war es Makulatur: Der Rundfunk Berlin-Brandenburg enthüllte, dass der Regierende Bürgermeister am Samstagmittag auf einem Tennisplatz gestanden hatte – mit seiner Lebensgefährtin, der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU). Wegner räumte ein, er hätte das „rückblickend… am Sonntag sagen sollen“. Eine Formulierung, die alles offenlässt – und nichts zurücknimmt.

Seither läuft eine Korrekturkette in Zeitlupe. Nicht der Senat klärt auf, sondern die Presse rekonstruiert. Nicht Wegner stellt die Fakten richtig, sondern parlamentarische Anfragen zwingen ihn, sich zu erklären – und er weicht aus.

Der fraktionslose Abgeordnete Alexander King, Vorsitzender des BSW in der Bundeshauptstadt, hat am 23. April einen Katalog von zehn präzisen Fragen gestellt: zu Uhrzeiten, zu Telefonaten, zur kuriosen Tatsache, dass die Kontaktaufnahme zur Bundeswehr offenbar über die Parlamentspräsidentin Cornelia Seibeld erfolgt sein soll – ein Weg, der staatsorganisatorisch geradezu grotesk ist. Vor allem aber stellt King die Frage, die in den Redaktionen längst kursiert: Hielt sich der Regierende Bürgermeister an jenem Vormittag überhaupt in Berlin auf?

In Teilen der Hauptstadtpresse wird recherchiert, ob Wegner und Günther-Wünsch das Wochenende möglicherweise in einem Hotel mit Wellness- und Sportangebot verbracht haben – ausdrücklich unbelegt, ausdrücklich Arbeitshypothese.

Als Hintergrund werden Spannungen in der Beziehung kolportiert. Auch das: vage. Aber die schiere Tatsache, dass ein detaillierter Fragenkatalog der Berliner Zeitung an die Senatskanzlei genau diese Hypothese überprüfbar machen will und der Senat schweigt, ist eine politische Aussage. Eine Stunde-für-Stunde-Aufstellung wäre trivial zu erstellen. Dass sie nicht kommt, lässt nur einen Schluss zu: Die Wahrheit wäre womöglich schädlicher als die Spekulation.

„Agonie statt Strategie“

Wie tief der Riss inzwischen geht, lässt sich auch an den Stimmen aus der zweiten Reihe der Berliner CDU ablesen. Ein Mitglied aus der Führungsetage der Hauptstadt-CDU formulierte gegenüber der Berliner Zeitung unter dem Schutz der Vertraulichkeit Sätze, die für sich sprechen:

Es ist alles eigentlich noch schlimmer. Die Causa ist dort weitgehend bekannt, und: Es gibt keine Strategie, keinen echten Plan B – eher Agonie. Dabei hätte er jetzt so elegant als Gentleman Sarah WW vom Spielfeld begleiten und den skandalfreien Evers installieren können.

Führendes CDU-Mitglied gegenüber der Berliner Zeitung

„Sarah WW“ – das ist Sarah Wedl-Wilson, die am vergangenen Freitag als Kultursenatorin zurückgetreten ist, nachdem der Landesrechnungshof in der Fördermittelaffäre schwere Rechtsverstöße bei der Vergabe von 2,6 Millionen Euro festgestellt hatte.

Eine Affäre, die maßgeblich von der CDU-Fraktion mit einer Wunschliste angetrieben worden war.

Stefan Evers wäre, so die Lesart aus der CDU-Spitze, der naheliegende skandalfreie Übergangsmann gewesen: Finanzsenator, geräuscharm, im Apparat respektiert. Genau diese Möglichkeit aber verspielt Wegner – weil er nicht zurücktritt, weil er nicht zu seinen privaten Verhältnissen steht, weil er die elegante Geste nicht findet, einer Senatorin den Rücken zu stärken und sich selbst geordnet aus dem Spitzenamt zu verabschieden.

Die Konsequenz, die in der Berliner CDU hinter vorgehaltener Hand gezogen wird, ist hart: Wegner werde, indem er an sich selbst klebt, zum besten Konjunkturprogramm der politischen Ränder. Während Friedrich Merz im Bund die AfD großrede, schiebe Wegner in Berlin die Linke in Richtung Regierungsbeteiligung.

Beide, so heißt es, verbänden eine Eigenschaft: das eigene Ego über Partei und Sache zu stellen. Und beide blockierten damit jede Erneuerung, die der bürgerlichen Mitte – zwischen einem Lichtenberger Linksprojekt und einer in Marzahn-Hellersdorf erstarkten AfD – noch eine Chance ließe.

Die Falle hinter dem Schweigen

Das eigentliche politische Risiko liegt nicht in dem, was bekannt ist – Tennisspiel statt Krisenraum –, sondern in dem, was möglicherweise noch kommt. Wenn sich bestätigen sollte, was die Berliner Zeitung derzeit recherchiert – ein Aufenthalt außerhalb Berlins, in einem Wellnesshotel im Brandenburgischen Dallgow-Döberitz, mit der Bildungssenatorin, möglicherweise vor dem Hintergrund einer brüchigen Beziehung – dann wäre Wegners ursprüngliche Erzählung vom „eingeschlossenen Büro“ nicht mehr nur eine Beschönigung.

Sie wäre die bewusste Konstruktion einer Krisenpräsenz, die so nicht stattgefunden hat. Mit allen Konsequenzen, die das für ein Wahljahr hat, in dem Glaubwürdigkeit die einzige Währung ist, die zählt.

Es ist diese Konstellation, die in der CDU als „Lage, aus der heraus es keinen geräuscharmen Wechsel mehr gibt“ beschrieben wird. Günther-Wünsch, von Teilen der Partei als die kommunikativ versiertere Spitzenkraft gesehen, ist als Lebensgefährtin Wegners blockiert. Evers, der skandalfreie Finanzsenator, wäre verfügbar – aber nur in einem geordneten Übergang, den Wegner aktuell verweigert. Bleibt die Variante, in der die CDU mit einem angeschlagenen Spitzenkandidaten in den September geht und auf das Vergessen der Wählerschaft hofft. Eine Wette, die kaum aufgehen dürfte.

Was Berlin nun bevorsteht

In den kommenden Wochen werden mehrere Stränge zusammenlaufen. Dazu zählen die Antworten – oder Nicht-Antworten – des Senats auf den Fragenkatalog dieser Zeitung, die zugleich den juristischen Weg vorbereitet, die Informationen auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes freizuklagen. Dazu zählt die parlamentarische Antwort auf Kings Fragen im Abgeordnetenhaus. Und eine mögliche Akteneinsichtsklage der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

Jeder einzelne Strang hat das Potenzial, die ohnehin fragile Statik der schwarz-roten Koalition weiter zu beschädigen. Zusammen könnten sie die Frage nach der Spitzenkandidatur entscheiden – oder, wahrscheinlicher, der CDU jede Möglichkeit nehmen, sie selbst zu entscheiden.

Das Private und Politische

Es gibt einen biografischen Kern, der das ganze Drama erklärt – und der sich in jeder offiziellen Vita findet: Kai Wegner, geboren am 15. September 1972 in Berlin-Spandau, evangelisch, drei Kinder, Carl-Schurz-Grundschule, Hans-Carossa-Oberschule, Wehrdienst bei der Luftwaffe, Ausbildung zum Versicherungskaufmann. CDU und Junge Union seit 1989 – mit 16. Wegners Welt ist seit 37 Jahren dieselbe: Spandau, Partei, Familie. Beruf und Privatleben, Mandat und Beziehung, Apparat und Wohnzimmer – bei ihm war das nie getrennt.

Schon die zweite Lebenspartnerin, Kathleen Kantar, war zuvor seine persönliche Referentin im Bundestag; auch die dritte, Bildungssenatorin Günther-Wünsch, sitzt am eigenen Kabinettstisch. Wer so lebt, hält Verquickung für Normalität.

Genau das ist das Problem. Ein Regierender Bürgermeister, der das Private nie politisch grundieren musste, weil beides immer dasselbe war, hat im Krisenmoment keine Trennlinie – nicht zwischen Tennisplatz und Lagezentrum, nicht zwischen Lebensgefährtin und Senatorin, nicht zwischen Schweigen aus Scham und Schweigen aus Pflicht. Der überraschende Befund lautet daher: Wegner scheitert nicht an einer Affäre. Er scheitert an einer Lebensform. Und mit ihm scheitert eine Regierung, die geglaubt hatte, Hauptstadt sei verwaltbar wie ein Spandauer Kreisverband.

Eine Stellungnahme der Senatskanzlei lag bei Redaktionsschluss nicht vor. Die Senatskanzlei hatte eine Frist zur Beantwortung am Freitag ohne weitere Reaktion verstreichen lassen.