Politgewalt

Kolumbien vor der Wahl: Drei Soldaten bei Hinterhalt getötet – Gewalt überschattet Parlamentswahlen

Bewaffnete Dissidenten der einstigen Farc-Guerilla greifen Militärpatrouille an. Millionen Kolumbianer wählen. Die Berliner Zeitung berichtet vor Ort.

Kundgebung für Iván Cepda und der politischen Partei Pacto Historico in Medellin, Kolumbien.
Kundgebung für Iván Cepda und der politischen Partei Pacto Historico in Medellin, Kolumbien.Camilo Moreno

Drei Soldaten sind am Mittwoch in Kolumbien bei einem Hinterhalt in der südkolumbianischen Provinz Caquetá getötet worden – sie waren auf dem Weg, Wahllokale für die Parlamentswahlen am kommenden Sonntag zu sichern. Der Angriff wirft ein Schlaglicht auf die Sicherheitslage in einem Land, das vier Tage vor dem Urnengang zwischen demokratischem Aufbruch und bewaffneter Gewalt schwankt. Die Berliner Zeitung verfolgt die Wahlen vor Ort.

Tödlicher Hinterhalt im Dschungel von Caquetá

Die Soldaten Alexis Muñoz, Luis Mauricio Morales Leal und Josué David Uribe Chinchilla gehörten zum Schnellverlegungsbataillon Nr. 36, einer Eliteeinheit der kolumbianischen Streitkräfte. Sie waren im Rahmen des sogenannten „Plan Democracia“ unterwegs – dem staatlichen Sicherheitsdispositiv, das den reibungslosen Ablauf der Wahlen garantieren soll.

In der Vereda Santo Domingo, einer abgelegenen ländlichen Siedlung im Municipio Cartagena del Chairá, gerieten sie in einen Hinterhalt.

Offenbar militante Kleingruppe verantwortlich

Nach Angaben des kolumbianischen Heeres werden mutmaßliche Kämpfer der „Estructura Carolina Ramírez“ für den Angriff verantwortlich gemacht – eine bewaffnete Dissidentengruppe, die dem Kommando des meistgesuchten Guerillaführers des Landes untersteht: Néstor Gregorio Vera Fernández, besser bekannt als „Iván Mordisco“. Er hatte sich dem historischen Friedensabkommen von 2016 zwischen der kolumbianischen Regierung und der Farc-Guerilla verweigert und führt seither den sogenannten Estado Mayor Central (EMC), den größten Block der Farc-Dissidenz. Diese Kämpfer haben nichts mit der einst politischen Farc-Guerilla zu tun.

Verteidigungsminister Pedro Sánchez stellte den Angriff in einen direkten Zusammenhang mit einem Militäreinsatz vom vergangenen Sonntag: Die Streitkräfte hatten Stellungen der Mordisco-Dissidenz bombardiert, dabei zwei mutmaßliche Kämpfer getötet, zwei weitere festgenommen und zwei zwangsrekrutierte Minderjährige befreit. Der Hinterhalt vom Mittwoch, so Sánchez, sei offenbar ein Vergeltungsschlag gewesen. „Der Tod dieser Soldaten, die am Plan Democracia teilnahmen, spiegelt das höchste Opfer wider, damit es Wahlen gibt, damit eine freie und sichere Stimmabgabe existiert“, sagte der Minister.

Was ist die „Estructura Carolina Ramírez"?

Hinter dem Namen verbirgt sich eine der schlagkräftigsten bewaffneten Strukturen im Süden Kolumbiens. Die Gruppe gehört zum EMC unter Mordisco und operiert vor allem in den Provinzen Caquetá, Putumayo und Meta – entlang strategischer Flusskorridor, die sowohl zur ecuadorianischen Grenze als auch zum Pazifik führen. Ihr Name erinnert an eine Kämpferin, die fiel, als sich Teile des ehemaligen Farc-Frente Primero gegen den Friedensprozess stellten.

Die Estructura Carolina Ramírez finanziert sich durch Erpressung, Kontrolle des Kokaanbaus und -handels sowie illegale Besteuerung von Transport und Handel. In jüngster Zeit wird sie wiederholt mit Angriffen auf Militärpatrouillen und Wahlsicherheitsoperationen in Verbindung gebracht – darunter Anschläge mit Sprengsätzen, Maschinengewehren und vereinzelt auch Drohnen.

69 Gemeinden in akuter Gefahr

Der Angriff in Caquetá ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer eskalierenden Bedrohungslage im Vorfeld der Wahlen. Die kolumbianische Defensoría del Pueblo – die staatliche Ombudsstelle für Menschenrechte – hat 69 Gemeinden identifiziert, in denen unmittelbare Gefahr politischer Gewalt besteht. 457 Fälle von Morddrohungen gegen Menschenrechtsverteidiger und politische Akteure wurden im Vorwahlkontext registriert. Nach Schätzungen sind zwischen 1,5 und 2 Millionen Wahlberechtigte einem erhöhten Risiko von Bedrohung, Vertreibung oder Entführung ausgesetzt.

In weiten Teilen des ländlichen Kolumbiens herrscht, was Sicherheitsexperten eine „Fiktion von Freiheit“ nennen: Formal existiert Wahlkampf, faktisch dominieren bewaffnete Strukturen – Farc-Dissidenten, die ELN-Guerilla, der Clan del Golfo und andere kriminelle Organisationen – das Wahlverhalten ganzer Regionen. Es gab im Vorfeld Entführungen und Angriffe auf Kandidatinnen und Kandidaten.

Rafaela Cortés Zambrano, Gouverneurin der Provinz Meta und Präsidentin der Nationalen Föderation der Departamentos (FND), reagierte mit „enormer Trauer und Empörung“ auf die Nachricht aus Caquetá. „Mein Beileid gilt den Streitkräften und den Familien derer, die heute ihr Leben für das Land und die Demokratie geben", sagte sie.

Die FND kündigte an, in Abstimmung mit Militär, Polizei und Kontrollorganen die Sicherheitsmaßnahmen in verschiedenen Regionen des Landes zu verstärken. Die Föderation warnte zugleich vor möglichen Einschüchterungsaktionen bewaffneter Gruppen gegen Gemeinden, vor Eingriffen in die freie Stimmabgabe und vor Druck auf Kandidaten in umkämpften Gebieten.

Die kolumbianische Migrationsbehörde ordnete die Schließung sämtlicher Landesgrenzen vom 7. bis 9. März an, um „Situationen zu verhindern, die die öffentliche Ordnung beeinträchtigen oder den Ablauf des Wahlprozesses gefährden könnten“.

Stimmenkauf, Bargeldtransporte, Manipulationsvorwürfe

Doch die Bedrohung der kolumbianischen Demokratie kommt nicht nur aus dem Dschungel. Seit Wochen berichten Sicherheitsbehörden von landesweiten Einsätzen gegen systematischen Stimmenkauf. Bargeldtransporte im Umfang von insgesamt rund 1,76 Milliarden kolumbianischen Pesos wurden beschlagnahmt, mindestens 20 Personen festgenommen. In einem Fall stoppte die Polizei zwischen Ibagué und Girardot einen Pickup mit rund 71 Millionen Pesos in bar und Wahlpropaganda eines Kandidaten für das Repräsentantenhaus.

Die dokumentierten Delikte umfassen Wählerbestechung, unzulässige Kampagnenfinanzierung, Wähleridentitätsdiebstahl und Kandidaturen trotz bestehender Unvereinbarkeiten. Sie gelten als eine der zentralen Bedrohungen für die Legitimität des gesamten Wahlprozesses.

Zusätzlich schwelt ein heftiger politischer Streit um die technische Infrastruktur der Stimmauszählung. Präsident Gustavo Petro verweist auf rechtskräftige Urteile des Consejo de Estado – des höchsten Verwaltungsgerichts – zu den Wahlen 2014 und 2018, in denen Manipulationen beim Auszählprozess festgestellt wurden: Sabotage an 1.412 Auszähltischen, der Ausschluss von 236.523 Stimmen, der Verlust von drei Kongresssitzen. Petro macht die Firma Thomas Greg & Sons verantwortlich, die auch 2026 in Teilen an der Wahllogistik beteiligt ist, und spricht von einem „billionenschweren Geldverschwendung“ mit mutmaßlichen Überkosten von rund 300 Prozent.

Der nationale Wahlleiter Hernán Penagos weist die Betrugsvorwürfe zurück und betont die gesetzlichen, logistischen und technologischen Kontrollen. Rund 700.000 Wahlzeugen der Parteien sollen in den Wahllokalen präsent sein – deutlich mehr als bei früheren Wahlen. Penagos und das Innenministerium verorten das eigentliche Betrugsrisiko eher in den klassischen Wahlstraftaten – Stimmenkauf, Nötigung und bewaffnete Einflussnahme – als in der elektronischen Verarbeitung.

Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und andere internationale Beobachter äußern Besorgnis über die strukturellen Risiken und mahnen eine kooperative Lösung zwischen Präsidentschaft und Wahlbehörde an, um das Vertrauen in die Ergebnisse nicht schon vorab zu untergraben.

Was am Sonntag auf dem Spiel steht

Am 8. März wählen die Kolumbianer rund 300 Abgeordnete für Senat und Repräsentantenhaus sowie Kandidaten in parteiinternen Vorwahlen, die als eine Art Primaries für die Präsidentschaftswahl fungieren. Es ist die erste Kongresswahl unter der Regierung von Präsident Petro, dem ersten linken Staatschef in der Geschichte des Landes – und sie wird zum Stimmungstest für seine umstrittene Reformagenda.

Die Berliner Zeitung berichtet aus Kolumbien über die Parlamentswahlen 2026 und die Spannungen auf dem amerikanischen Kontinent. Weitere Berichte folgen.