Energiemärkte

LNG-Schock durch Irankrieg: Katar-Ausfälle treiben Gaspreise – Folgen für Deutschland

Iranische Angriffe auf Katar lassen Gaspreise weiter steigen. Deutschland droht ein Engpass. Das Drama kulminiert nach dem Sommer 2026.

Der Gashafen Ras Laffan, Katar: LNG-Tanker vor weltweit größter Exportanlage
Der Gashafen Ras Laffan, Katar: LNG-Tanker vor weltweit größter ExportanlageThomas Koehler/photothek.net

Nach iranischen Angriffen auf zentrale Gasförder- und -verflüssigungsanlagen in Katar sind die Erdgaspreise in Europa sprunghaft gestiegen. Die maßgeblichen europäischen Terminkontrakte kletterten am Donnerstag um bis zu 35 Prozent auf mehr als 70 Euro pro Megawattstunde, bevor sie im Tagesverlauf auf etwa 62 Euro zurückfielen, wie das Handelsblatt berichtet. Auch der Ölpreis zog kräftig an: Ein Barrel der Nordseesorte Brent erreichte zeitweise 119 US-Dollar – nahezu das Niveau vom Beginn des Iran-Krieges.

Der CEO von Qatar Energy, Saad al-Kaabi, rechnet damit, dass rund 17 Prozent der katarischen LNG-Exportkapazität durch schwere Schäden an den Verflüssigungseinheiten (sogenannten Trains) 4 und 6 für bis zu fünf Jahre ausfallen könnten. Für betroffene Lieferverträge sei eine langfristige Force-Majeure-Erklärung nötig.

Revolutionsgarden drohen mit Angriffen auf Golfstaaten

Die Lage verschärfte sich, als die iranischen Revolutionsgarden über Staatsmedien zur Evakuierung mehrerer Öl- und Gasanlagen in der Golfregion aufriefen. Konkret nannten sie die Raffinerie Ras Laffan und das Petrochemiezentrum Mesaieed in Katar, die Raffinerie Samref und den Petrochemiekomplex Jubail in Saudi-Arabien sowie das Gasfeld Al Hosn in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Angriffe auf „zivile und lebenswichtige Infrastruktur des Irans“ seien „kein militärischer Sieg, sondern ein politischer Selbstmord“, erklärten die Revolutionsgarden. Die Zeit begrenzter Gefechte sei vorbei – das Kriegspendel bewege sich in Richtung eines „umfassenden Wirtschaftskrieges“.

Vorausgegangen waren israelische Luftangriffe auf Teile der iranischen Gasindustrie am Persischen Golf. Betroffen waren laut den Nachrichtenagenturen Tasnim und Mehr petrochemische Anlagen bei der Industriestadt Asalujeh in der Provinz Buschehr. Dort befindet sich mit South Pars das größte Gasfeld der Welt, das sich Iran und Katar teilen.

Die Region deckt etwa 70 Prozent der iranischen Gasversorgung. Laut der Times of Israel griff die israelische Luftwaffe die größte Gasanlage in der Provinz Buschehr an. Das Portal Axios berichtete unter Berufung auf Regierungskreise, die Attacken seien mit den USA abgestimmt gewesen.

Der Iran-Experte Mohammad Ali Shabani wies auf der Plattform X darauf hin, dass fast das gesamte vom Iran geförderte Erdgas für den Inlandsverbrauch bestimmt sei. Die Angriffe zielten folglich darauf, „langfristig die Stromversorgung und die Versorgung mit Kochgas für Millionen gewöhnliche Iraner zu untergraben“.

Der Sprecher des Außenministers von Katar, Majed al-Ansari, verurteilte den israelischen Angriff auf X als „gefährlichen und unverantwortlichen Schritt“. Angriffe auf Energieinfrastruktur stellten eine Bedrohung für die globale Energiesicherheit sowie für die Bevölkerung und die Umwelt der Region dar.

Deutschland nicht direkt betroffen – aber unter Druck

Für Deutschland besteht derzeit kein akuter physischer Lieferengpass. Die langfristigen LNG-Verträge mit Qatar Energy und ConocoPhillips über jährlich rund zwei Millionen Tonnen LNG – laut Quelle grob 2,7 bis drei Milliarden Kubikmeter beziehungsweise etwa drei bis vier Prozent des heutigen deutschen Gasbedarfs – laufen erst ab diesem Jahr an und liefern bislang keine nennenswerten Mengen nach Deutschland. Nach den in den Quellen genannten Jahreswerten kamen 2023 43 Prozent der deutschen Gasimporte aus Norwegen, 26 Prozent aus den Niederlanden und 22 Prozent aus Belgien; 2024 stammten rund 90 Prozent der LNG-Mengen an deutschen Terminals aus den USA.

Dennoch trifft der Ausfall Katars den globalen Markt empfindlich. Das Land liefert rund 20 Prozent des weltweiten LNGs. „Sowohl in Asien als auch in Europa sind nicht nur kurzfristig, sondern auch für den Rest des Jahres 2026 höhere Gaspreise zu erwarten“, schreibt Arne Lohmann Rasmussen, Chefanalyst beim dänischen Investmenthaus Global Risk Management, in einer Analyse. LNG-Lieferungen aus Katar könnten für Monate und im schlimmsten Fall für Jahre ausfallen.

Die deutschen Gasspeicher sind mit rund 20 Prozent Füllstand bereits relativ leer. Andere Produzenten – allen voran die USA – verfügen kurzfristig kaum über freie Kapazitäten, um 17 Prozent Ausfall der katarischen LNG-Exporte zu kompensieren. Das verschärft den globalen Wettbewerb um verfügbare Mengen und treibt die Preise.

Heizperiode 2026/27 wird zur Belastungsprobe

Das eigentliche Risiko liegt in der kommenden Heizperiode: Sollte ein Teil der katarischen Kapazitäten dauerhaft ausfallen und die geopolitische Lage am Golf angespannt bleiben, muss Deutschland seine Speicher im Sommer aggressiv füllen und sich verstärkt alternative LNG-Quellen sichern. Das geplante Ausbauprojekt North Field East in Katar, das zusätzliche Kapazitäten schaffen sollte, wurde mindestens auf 2027 verschoben – bestehende Einschränkungen bleiben also länger bestehen als ursprünglich erwartet.

Politisch erhöht die Krise den Druck, den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen, den Gasverbrauch zu senken und die LNG-Importinfrastruktur weiter zu diversifizieren. Deutschland baut seine Terminalkapazitäten an Standorten wie Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Stade aus. Auf EU-Ebene sieht der REPowerEU-Plan eine dauerhafte Senkung des Gasverbrauchs um 15 Prozent gegenüber dem Zeitraum 2017 bis 2021 vor. Mittelfristig sollen Wärmepumpen, Industrieeffizienzprogramme und der Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung die strukturelle Gasnachfrage weiter reduzieren.

Die Börsen reagierten auf die Eskalation mit deutlichen Verlusten: Dax und US-Indizes gaben spürbar nach. US-Präsident Trump drohte mit Vergeltung, distanzierte sich aber zugleich von Israel.