Nach dem großflächigen Stromausfall in Berlin Anfang Januar ist in der Nacht zum Donnerstag ein neues Schreiben auf der linksautonomen Plattform Indymedia aufgetaucht, in dem eine mutmaßliche „Vulkangruppe“ einen weiteren Angriff auf die Stromversorgung ankündigt. Der Text wurde am Mittwochabend kurz nach 19 Uhr veröffentlicht und später von der Plattform gelöscht. Ob das Dokument echt ist, wird derzeit von Polizei und Sicherheitsbehörden geprüft.
In dem bislang nicht verifizierten Schreiben heißt es, die Verfasser hätten „die Stromzufuhr zum Bezirk Marzahn-Hellersdorf mit einem Zeitzünder versehen“. Die Autoren treten unter dem Namen „Vulkangruppe“ auf und schildern den angekündigten Anschlag als Teil einer Reihe von Aktionen. Der Text trägt die Überschrift „Das Grollen des Sundhnúkagígar“, benannt nach einem aktiven Vulkan in Island, und endet mit „Viva la Vulkangruppen“. Die Drohung wird als Reaktion darauf dargestellt, dass sich die Verfasser in der öffentlichen Debatte über den Begriff „Vulkangruppen“ missverstanden fühlen. Sie verweisen darauf, dass es nicht „die Vulkangruppe“ gebe, ebenso wenig wie die „die Antifa“. Zuvor war Verwirrung entstanden, weil sich zwei unterschiedliche Gruppierungen, die sich beide „Vulkangruppen“ nennen, zu dem Stromanschlag im Südwesten geäußert hatten.
Eine Polizeisprecherin sagte der Berliner Zeitung, dass das Schreiben derzeit intensiv analysiert wird. Die Sprecherin erklärte, man prüfe die Echtheit und mögliche Gefährdungslagen in enger Abstimmung mit dem Berliner Stromnetzbetreiber. Es gebe aber bisher keine Hinweise darauf, dass die Verfasser die Drohung derzeit wahr machen würden. Henrik Beuster, Sprecher von Stromnetz Berlin, sagte, man sei auf einen möglichen Anschlag im Osten Berlins vorbereitet. Das Netz im Ostteil der Stadt ist am meisten vulnerabel – dort gibt die meisten überirdisch verlegten Stromkabel.

„Vulkangruppen“-Schreiben kursiert in sozialen Medien
In sozialen Medien kursieren Screenshots des inzwischen gelöschten Textes. Behörden und Experten betonen, dass auf offenen Plattformen wie Indymedia anonym Texte veröffentlicht werden können, deren Herkunft und Ernsthaftigkeit sich nicht ohne Weiteres verifizieren lassen. Konkrete Anschlagsankündigungen seien dort ungewöhnlich. In den vergangenen Tagen waren überwiegend Bekennerschreiben zu bereits durchgeführten Aktionen online gestellt worden.
Die neue Veröffentlichung steht im Kontext früherer Bekennerschreiben der sogenannten Vulkangruppen. In einem Schreiben vom 4. Januar hatten sich Unbekannte zu dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz bekannt. Dieser Anschlag hatte in der vergangenen Woche Zehntausende Haushalte und Unternehmen im Südwesten der Stadt zeitweise ohne Strom und Heizung zurückgelassen. Behörden gehen davon aus, dass die Bekennerschreiben aus dem linksextremistischen Umfeld stammen, und halten diese bislang für authentisch.
Unklarheit über Identität der „Vulkangruppen“
Parallel zu den Ermittlungen ist in der linksextremistischen Szene eine Debatte über die Urheberschaft der Bekennerschreiben entbrannt. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Bekennerschreibens tauchte auf Indymedia ein Text auf, in dem sich eine Gruppierung als „ursprüngliche Vulkangruppe“ von 2011 bezeichnete und sich ausdrücklich von den jüngsten Anschlägen auf die Stromversorgung distanzierte.
In dem Schreiben hieß es sinngemäß, frühere Aktionen der Gruppe hätten sich ausschließlich gegen militärische Infrastruktur und Rüstungsexporte gerichtet und nicht gegen zivile Versorgungssysteme. Seit 2014 habe man sich aus Verantwortung aus solchen Aktionen zurückgezogen.
Nach Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz wird der Name „Vulkangruppe“ inzwischen von mehreren, voneinander unabhängigen Gruppierungen genutzt. Es handele sich nicht um eine einheitliche Organisation mit fester Struktur, sondern um ein lose verwendetes Label innerhalb der linksextremistischen Szene. Diese Unübersichtlichkeit erschwert den Ermittlern die eindeutige Zuordnung der aktuellen Bekennerschreiben.
Unklare Struktur der „Vulkangruppen“
Die Sicherheitslage rund um die „Vulkangruppen“ bleibt also weiterhin unübersichtlich. Nach Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) ist „Vulkangruppe“ kein einheitlicher Akteur mit fester Struktur, sondern ein Label, das von mehreren Gruppierungen im Bereich des militanten Anarchismus und des Linksextremismus genutzt wird. Seit 2011 sollen sich mehrere dieser Gruppierungen zu Brandanschlägen auf öffentliche Infrastruktur, darunter Kabelschächte und andere Anlagen, bekannt haben – die genaue Zahl der Taten ist aber nicht eindeutig dokumentiert.



