Antisemitismus

Nur noch 13 Prozent der jüdischen Gemeinden sehen eine gute Zukunft in Deutschland

Jüdische Gemeinden sehen sich zunehmend im Stich gelassen – und ein proiranisches Terrornetzwerk bedroht jüdische Einrichtungen in ganz Europa.

Antiisraelische Graffiti im Berliner Viertel Friedrichshain.
Antiisraelische Graffiti im Berliner Viertel Friedrichshain.Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Da es in den vergangenen Monaten in Deutschland vermehrt zu antisemitischen Bedrohungen und Anschlägen gekommen ist, sehen nur noch 13 Prozent der jüdischen Gemeinden die Zukunft für jüdisches Leben im Land positiv. Das ist dem Lagebild der Jüdischen Gemeinden 2026 zu entnehmen, das der Zentralrat der Juden am Freitag veröffentlichte.

Demnach haben zwei Drittel der Befragten auch durch die Waffenruhe in Gaza keine Erleichterung der Sicherheitslage gespürt. 68 Prozent der jüdischen Gemeinschaft nehmen das Leben in Deutschland als unsicherer wahr als vor dem 7. Oktober 2023. Die Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Deutschland ist laut der Erhebung deutlich zurückgegangen – von 62 Prozent im Jahr 2023 auf heute nur noch 35 Prozent. „Diese Zustände sind unhaltbar“, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster. Er mahnte zudem, der Antisemitismus habe sich als Teil des öffentlichen Raums normalisiert.

Konkret wurde das in den letzten Tagen in Berlin sichtbar. So fand ein Mitarbeiter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus am Mittwochmorgen an seiner Klingelanlage ein rotes Hamas-Dreieck, sein Name war mit roter Farbe beschmiert. Am Wochenende zuvor hatten Unbekannte in Prenzlauer Berg Hausfassaden mit Hakenkreuzen und der Parole „Kill all Jews“ beschmiert, wie die Berliner Zeitung berichtete. „Das ist kein politischer Protest, sondern eine gezielte Einschüchterung“, erklärte JFDA-Sprecher Levi Salomon.

In München kam es in der Nacht zum 10. April zu einem Anschlag auf das israelische Restaurant Eclipse. Dabei hatten Unbekannte Sprengsätze in das Lokal im Universitätsviertel geworfen. Die Fensterscheiben der Grillbar splitterten, Brandsätze flogen ins Innere. Verletzt wurde niemand.

Anschlag auf das jüdische Restaurant Eclipse: Glasscherben liegen neben dem Chanukka-Leuchter.
Anschlag auf das jüdische Restaurant Eclipse: Glasscherben liegen neben dem Chanukka-Leuchter.IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Fünf Tage später tauchte in sozialen Netzwerken ein Video auf, in dem HAYI den Anschlag für sich reklamierte, wie mehrere Medien berichteten. Deutsche Sicherheitsbehörden prüfen derzeit die Echtheit des Videos. Bayerns Verfassungsschutzpräsident Manfred Hauser sagte, es gebe „gewisse Anhaltspunkte“, die für einen HAYI-Zusammenhang sprächen, wie die Abendzeitung berichtete. Dagegen spreche jedoch, dass das Video erst fünf Tage nach der Tat erschien und kein direktes Material der Tat enthält. Das Bundesamt für Verfassungsschutz wollte auf Nachfrage der Berliner Zeitung nicht bestätigen, ob der Anschlag der HAYI-Serie zuzuordnen ist.

Proiranisches Terrornetzwerk hinter Serie von Anschlägen

Nach Angaben des BfV kommt es seit dem 9. März 2026 in Europa vermehrt zu Angriffen auf jüdische und US-amerikanische Einrichtungen, zu denen sich HAYI mittels öffentlicher Videos bekennt. Die Angriffe erfolgten jeweils in den Nacht- oder frühen Morgenstunden und verliefen bislang ohne Personenschäden.

Hinter HAYI werde ein irakisch-schiitisches Netzwerk vermutet, das unterschiedliche Kanäle aus dem schiitisch-extremistischen und proiranischen Bereich in sozialen Medien nutze. Die Gruppe benenne neuerdings klar ihre politische Motivation und drohe offen israelischen Einrichtungen sowie den sogenannten Feinden des Islams in Europa. Neu sei zudem die Ankündigung, sich nicht mehr nur auf einfache Angriffe zu beschränken, sondern langfristig auch gefährlichere Tatmittel einzubeziehen, so das BfV. Sicherheitskreise befürchten einen möglichen Übergang von Brandstiftungen zu Anschlägen mit Sprengstoff oder Schusswaffen.

Ob HAYI oder vergleichbare Netzwerke versuchen, Personen in Deutschland über soziale Medien für Anschläge zu rekrutieren, konnte das BfV auf Nachfrage der Berliner Zeitung zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten und bat um Verständnis. Bestätigt wurden Angriffe vor allem in den Benelux-Staaten und Großbritannien.

Am vergangenen Mittwoch wurden zwei jüdische Männer in London mit einem Messer angegriffen und verletzt. Die Polizei stufte den Vorfall als terroristischen Anschlag ein. HAYI reklamierte den Anschlag für sich, die Behörden prüfen das Bekenntnis noch.