Mit vollem militärischem Zeremoniell hat Äthiopien den 130. Jahrestag der Schlacht von Adwa begangen. Am 1. März 1896 besiegte das ostafrikanische Land die italienische Invasionsarmee – einer der wenigen afrikanischen Siege über eine europäische Kolonialmacht während des sogenannten „Scramble for Africa“. Der Triumph sicherte Äthiopiens staatliche Unabhängigkeit und gilt bis heute als zentrales Symbol panafrikanischer Selbstbehauptung. Die BBC bezeichnete Adwa als „eine der folgenreichsten Niederlagen einer europäischen Kolonialmacht in Afrika“.
Doch hinter den Paraden und patriotischen Inszenierungen brodelt ein Konflikt, der weit über historische Erinnerungspolitik hinausgeht. Die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed verknüpft das Adwa-Erbe gezielt mit einer aktuellen geopolitischen Forderung: dem Zugang zum Roten Meer.
Meerzugang als „zeitgenössisches Adwa“
Äthiopien verlor 1993 mit der Unabhängigkeit Eritreas seinen Zugang zum Meer – insbesondere den strategisch wichtigen Hafen Assab. Seitdem ist das Land mit seinen fast 130 Millionen Einwohnern auf ausländische Häfen angewiesen, vor allem auf Dschibuti, über das mehr als 90 Prozent des Außenhandels abgewickelt werden. Die Weltbank weist darauf hin, dass ein solcher Binnenstaat-Status strukturelle Wettbewerbsnachteile mit sich bringt: höhere Transportkosten, Abhängigkeit von Nachbarstaaten und geopolitische Verwundbarkeit.
Premierminister Abiy hat den Erwerb eines eigenen Seezugangs zur strategischen Priorität erklärt. Teilnehmer der Adwa-Feierlichkeiten griffen diese Rhetorik auf. Mulatwa Wolde bezeichnete die Sicherung von Hafenzugang und nationalem Wohlstand laut africanews als „ein zeitgenössisches Adwa“ und rief Äthiopier dazu auf, sich friedlich für die Wiederherstellung des Meerzugangs zu vereinen. Der Veteran Beta Duguma unterstrich, dass Äthiopiens historischer Einfluss die Notwendigkeit nationaler Einheit bei der Sicherung des Zugangs zum Roten Meer verdeutliche.
Andere Stimmen warnten hingegen vor einer Eskalation. Zebenay Tadesse sagte bei den Feierlichkeiten, Krieg führe „zum Blutvergießen, zum Verlust von Menschenleben und zur Verwüstung von Nationen“, und forderte Dialog sowie eine gemeinsame Nutzung von Hafenressourcen.
Beide Seiten bereiten sich auf möglichen Krieg vor
Eritrea wertet die äthiopische Rhetorik als direkte Bedrohung seiner territorialen Integrität, wie der European Council on Foreign Relations (ECFR) analysiert. Die Spannungen haben sich seit 2023 verschärft. Addis Abeba wirft Asmara vor, Rebellengruppen in Äthiopien zu unterstützen und sich militärisch in der Region Tigray zu engagieren. Laut ABC News bereiten sich beide Seiten „auf die Möglichkeit eines Krieges“ vor, einschließlich Truppenaufmärschen in Grenzregionen.
Besonders brisant ist die Vorgeschichte: Äthiopien und Eritrea führten von 1998 bis 2000 einen blutigen Grenzkrieg. Abiy Ahmed erhielt 2019 den Friedensnobelpreis für den Friedensschluss mit Eritrea – doch Asmara intervenierte später im Tigray-Krieg (2020–2022) auf äthiopischer Seite. Das Verhältnis gilt Beobachtern zufolge heute als strategisch zerrüttet.
Parallel versucht Äthiopien, alternative Seezugänge zu erschließen. Ein Memorandum of Understanding mit Somaliland hat jedoch Spannungen mit Somalia ausgelöst und die gesamte Sicherheitsarchitektur am Horn von Afrika zusätzlich destabilisiert, wie der Analyst Martin Plaut dokumentiert.
Warum Europa und Deutschland betroffen sind
Europäische Thinktanks wie das Hamburger GIGA-Institut und der ECFR warnen, dass ein neuer Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea weitreichende Folgen hätte – weit über die Region hinaus.
Handelsrouten: Das Rote Meer ist eine der wichtigsten globalen Handelsrouten. Über den Suezkanal laufen rund zehn bis zwölf Prozent des Welthandels sowie große Teile der europäischen Energieversorgung. Die Region ist durch die Huthi-Angriffe auf die Schifffahrt seit 2023 ohnehin unter Druck. Die EU unterhält mit der Operation Atalanta eigene Marineeinsätze zur Sicherung der Seewege. Ein weiterer Konflikt würde maritime Sicherheitsrisiken verschärfen.
Migration: Das Horn von Afrika ist eine zentrale Herkunfts- und Transitregion für Migration Richtung Europa. Die Friedrich-Ebert-Stiftung weist darauf hin, dass bereits vergangene Repressionen und Konflikte maßgeblich zur irregulären Migration aus Eritrea beigetragen haben. Eine Eskalation könnte neue Fluchtbewegungen auslösen und die Route über Sudan und Libyen verstärken.
Entwicklungspolitik: Deutschland ist über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), die GIZ und parteinahe Stiftungen in Äthiopien aktiv – mit Projekten in Ernährungssicherung, Staatsaufbau, Klimaanpassung und dem Wiederaufbau nach dem Tigray-Krieg. Instabilität würde diese Investitionen gefährden.
Geopolitischer Wettbewerb: Die Region ist ein Brennpunkt konkurrierender Interessen. China investiert massiv über die Belt-and-Road-Initiative, die USA unterhalten eine Militärbasis in Dschibuti, Golfstaaten engagieren sich wirtschaftlich, und Russland sucht Einfluss. Europa hat ein strategisches Interesse daran, nicht weiter an Gestaltungsmacht zu verlieren.
Analysten fordern aktivere europäische Diplomatie
Der ECFR empfiehlt, dass die EU – angesichts eines weniger engagierten Washington – eine aktivere diplomatische Rolle übernehmen sollte. Konkret bedeute das: eine klare Ablehnung militärischer Lösungen wie erzwungener „Korridore“ zum Meer, Verhandlungen über Hafenrechte und Transitabkommen sowie die Stützung des Pretoria-Abkommens zum Tigray-Konflikt. Dabei sollten insbesondere Italien, Frankreich und Deutschland ihre spezifischen Kontakte in der Region nutzen.
Das GIGA-Institut mahnt zudem, dass Dialogformate historische Empfindlichkeiten – die italienische Kolonialgeschichte, den Adwa-Mythos, Eritreas Befreiungskampf – ernst nehmen müssten. Zugleich müsse klar gemacht werden, dass Souveränität und territoriale Integrität am Horn von Afrika nicht zur Disposition militärischer Korrekturen stehen.
Adwa als politisches Instrument
Die Instrumentalisierung des Adwa-Jubiläums als Mobilisierungsinstrument für geopolitische Ansprüche birgt nach Einschätzung mehrerer Beobachter die Gefahr einer populistischen Eskalation. Der äthiopische Reporter verweist auf Parallelen zu anderen Fällen, in denen antikoloniale Symbolik in territoriale Forderungen übersetzt wurde. Was 1896 ein Akt der Selbstverteidigung gegen eine Kolonialmacht war, wird 2026 zur Legitimationsgrundlage für Machtprojektion in einer ohnehin fragilen Region.

