Kolumne

Was wird eigentlich aus den hunderten Tonnen Streusand von den Straßen Berlins?

Am Ende des ersten echten Winters seit vielen Jahren liegen gigantische Massen an Splitt herum. Unser Kolumnist hat nachgefragt, ob der auf den Müll fliegt.

Der letzte Schneemann des Jahres hatte sogar Ärmchen.
Der letzte Schneemann des Jahres hatte sogar Ärmchen.Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Last man standing – der letzte seiner Art. Gebaut aus dem vielleicht letzten Schnee dieses Winters. Es waren keine Massen mehr, die da vom Himmel gefallen waren, eher ein schöner feiner Zuckerguss zum Finale der kalten Jahreszeit. Auf dem nächtlichen Weg durch den Prenzlauer Berg stand er da, dieser Schneemann. Vor einer Imbissbude hatte jemand auf dem Tisch die kleine weiße Figur gebaut – sogar mit zwei kleinen Ärmchen, so, als könnte er zum Abschied winken.

Ich ging weiter, knackige sechs Grad minus. Überall Schnee, aber überall auch Streusand oder Splitt, und weil ich mehr als eine Stunde durch die Nacht lief, wurde mir klar, welche gigantischen Mengen Splitt sich im ersten echten Winter seit mehr als zehn Jahren so auf den Straßen angesammelt haben müssen. Manchmal lag er fein säuberlich über den Gehweg verstreut, mal waren es knöchelhohe Haufen.

Auf der Internetseite der BSR steht, dass allein etwa 350 Tonnen an die Bezirke abgegeben wurden. Dazu kam all der Kies und Splitt und Sand auf den Gehwegen, wo ja die Hausbesitzer selbst für den Winterdienst zuständig sind. Die BSR war gut vorbereitet, hatte 13.000 Tonnen Salz gebunkert und 5000 Tonnen Splitt. Immerhin müssen die Männer und Frauen in Orange bei Schnee in Berlin 10.900 „Arbeitskilometer“ Straßen und Radfahrstreifen räumen, dazu 59.000 Fußgängerüberwege, dazu 1200 Kilometer Radwege, dazu 6400 Haltestellen von Bussen und Straßenbahnen. Ganz schön viel.

Der Splitt wird gewaschen

Aber was wird aus all dem Splitt? Fliegt der auf den Müll? Nein, tut er nicht. Er wird tatsächlich wiederverwendet. Die BSR ist nun erst mal sechs oder acht Wochen damit beschäftigt, das ganze Zeug wieder von den Straßen und Gehwegen zu holen. Wie lang es dauert, weiß niemand ganz genau – der letzte richtige Winter ist schon fast vergessen.

Jedenfalls wird der Splitt dann an Spezialfirmen weitergegeben, die ihn reinigen und wiederverwenden. Allerdings nicht als sogenanntes Streumittel gegen Eis und Schnee. Denn nach einem Winter auf den Straßen und den unzähligen Füßen, die über den scharfkantigen Splitt getrampelt sind, hat der seine „abstumpfende Wirkung“ verloren. Verrückte Welt. Wie es sich in Zeiten der Kreislaufwirtschaft gehört, wird er auf dem Bau verwendet.

Und wer weiß, ob die kleine weiße Figur auf dem Tisch vor dem Imbiss tatsächlich der letzte Schneemann dieses Winters war. Die „Winterdienstsaison“ ist jedenfalls noch lange nicht vorbei. Sie endet am 31. März. Und auch das ist nur der offizielle Schluss. Denn grundsätzlich gilt: Wenn Schnee fällt, muss er von den Straßen und Gehwegen geräumt werden – egal, welches Datum der Kalender gerade anzeigt.