Der Stromausfall im Berliner Süden ist ein Skandal. Wie kann es sein, dass wegen eines Brandes an einer einzigen Kabelverbindung der Strom für einen ganzen Stadtteil für fünf Tage ausfällt? Was ist das für ein Umgang mit der kritischen Infrastruktur? Gibt es keine Redundanzen und Ersatzsysteme? Es ist der zweite Vorfall innerhalb weniger Monate in Berlin. Die Aufrechterhaltung der Stromversorgung gehört, so würde man meinen, zu den staatlichen Kernaufgaben. Das betrifft ein vorausschauendes Konzept, die Abschätzung von Sicherheitsrisiken und die Zusammenarbeit mit kompetenten Firmen aus dem privaten Sektor für Notfallpläne. Im Notfall muss es schließlich mindestens einen Informationsfluss geben, der die Betroffenen nicht völlig auf sich selbst zurückwirft.
Nichts davon hat es beim Stromausfall in Berlin gegeben. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner brauchte zehn Stunden, um sich zu melden. Er verlor einige nutzlose Phrasen, die zeigten: Der Mann hat keine Ahnung, was da läuft, geschweige denn, wie das Problem behoben werden könnte. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ließ sich am späten Samstagabend mit dem „Krisenstab“ fotografieren. Zuvor hatte sie gesagt, dass der Stromausfall noch schlimmer sei als der im Südosten im September. Warum das so sei und was man zu tun gedenke – dazu gab es keine Aussage. Ein SPD-Politiker sagte in der RBB-Sondersendung, die Leute sollten sich nicht aufregen, sondern lieber rechtzeitig Kerzen kaufen. Nicht nur der Staat habe Verantwortung, sondern auch der Einzelne, der sich auf große Krisen vorbereiten müsse. Bis vor kurzem galten „Prepper“ als Reichsbürger, und nun soll das erste Bürgerpflicht sein? Die Parteien hüllten sich in Schweigen, auch von der Opposition gab es nur Allgemeinplätze, FDP und AfD inklusive.
Besonders schlecht war die konkrete Kommunikation. Es fehlten Informationen, die wirklich helfen. Der Stromnetzbetreiber hatte eine „Sonderseite“ eingerichtet. Diese wurde nicht aktualisiert, es war lediglich die genaue Uhrzeit des Stromausfalls vermerkt. Zuerst heißt es, der Ausfall werde bis 18.30 Uhr dauern, dann wurde zurückgerudert mit der Begründung, dass das eine „automatische Ansage“ war. Man erfuhr nirgends, welche Straßen betroffen sind. Im RBB erklärte ein Ingenieur, dass man nun ein Provisorium versuchen werde, indem man ein Kunststoffkabel und ein Öl-Kabel zusammenschließen wolle – das habe man aber bisher nur unter Laborbedingungen gemacht und nicht bei Schneefall. Das klang nicht sehr vertrauenserweckend. Dazu lieferte der RBB groteske Bilder: Hinter dem Ingenieur baggerte ein kleiner Bagger gemütlich Material von einer Seite auf die andere. Daneben standen drei Mitarbeiter in Gelb und einer in Orange und schauten zu. Das Gefühl der Dringlichkeit stellte sich für den Zuseher nicht ein. Später erfuhr man, dass eine über das Provisorium hinausgehende Lösung Wochen dauern könne.
Auch die Medien wurden nur unzureichend mit wirklich konkreten Informationen versorgt. Einige Journalisten wichen daher ins Ungefähre aus: Ein vom Stromausfall betroffener Reporter schrieb, er wolle positiv bleiben und nicht argwöhnen, dass ein „Wegwerfagent“ Putins mit einem Anschlag das ganze Chaos verursacht hätte. Eine andere Zeitung schrieb, nun könne man die Ukrainer besser verstehen. Andere Medien gaben nützliche Tipps, wie den Hinweis, „Kurbelradios“ würden noch funktionieren. Kritik an den Verantwortlichen war kaum zu hören, die mediale Begleitung erinnerte an die Corona-Berichterstattung: Es geht um „höhere Gewalt“, wir sitzen alle im selben Boot, wir wollen brave und solidarische Bürger sein. Ja, das wollen wir, aber dazu muss die Aufgabenteilung von allen befolgt werden: Wir entrichten Steuern, halten uns an die Gesetze. Der Staat stellt dann aber gefälligst sicher, dass die Dinge funktionieren, die die Gemeinschaft als Ganzes betreffen.
Auch die Tonalität der polizeilichen Mitteilung trug volkspädagogischen Charakter: Bereiten Sie Taschenlampen und Batterien für die Nacht vor, suchen Sie sich ein warmes Bett an einem anderen Ort als an jenem, für den Sie nicht zu knapp Grundsteuer bezahlen. Einzig ein Experte im RBB legte den Finger in die Wunde und sagte: Der Schutz der kritischen Infrastruktur ist seit Jahren ein Thema. Ein Unternehmer sagte bereits nach dem Stromausfall im September, er sei gezwungen, nach Dresden zu gehen, weil die Lage in Berlin zu unsicher sei.
Auf die Peer-to-Peer-Kommunikation konnten die in Dunkelheit und Kälte Herumirrenden nicht zurückgreifen: Die Handynetze funktionieren ohne Strom nicht. Hilflos richteten Hilfsorganisationen und die Bezirksbürgermeisterin Ladestationen ein – eine gut gemeinte, aber sinnlose Aktion, wenn es keinen Empfang gibt. Es gibt auch für die Mobilfunktelefonie kein Notsystem.

