Australien machte es Ende 2025 vor und nun scheinen viele im Rest der Welt folgen zu wollen: Immer mehr Länder erwägen oder planen ein Verbot der Nutzung sozialer Medien durch Jugendliche. In Deutschland finden von Bundeskanzler Friedrich Merz bis zur Grünen-Vorsitzenden Franziska Brantner fast alle eine Einschränkung gut. Diskutiert wird unter anderem über einen nach Alter gestaffelten Zugang zu Social Media, den die SPD ins Gespräch gebracht hat. Soziale Medien scheinen in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit zur Zigarette der nach 2010 geborenen Generation Alpha geworden zu sein. Das Bedürfnis, junge Menschen vor Schaden zu bewahren, ist groß.
Schülersprecher kritisieren, dass Stimmen aus der betroffenen Alterskohorte in der Diskussion zu wenig Gehör finden. Jennifer Rosin, Vorsitzende des Berliner Länderausschusses, warnt vor einer Scheindebatte. Sie skizziert einen alternativen Weg zu mehr Jugendschutz in der digitalen Welt.
Frau Rosin, der Landesschülerausschuss beklagt psychische Gefahren des Social-Media-Konsums von Jugendlichen, lehnt aber ein Verbot bis 16 Jahre ab. Klären Sie uns auf, warum das kein Widerspruch ist?
Wir sind der Meinung, ein Verbot ist die vermeintlich leichte Lösung und es gibt bessere Wege, um Probleme zu lösen.

Welche wären das?
Auf europäischer Ebene gibt es seit 2024 den Digital Services Act, der in der ganzen EU die Regeln für Online-Plattformen festlegen soll. Damit könnten kinderfreundliche Anwendungen in allen Mitgliedsländern verbindlich werden. Das endlose Scrollen oder die Verwendung nach 23 Uhr wären bei solchen Jugendversionen gar nicht erst möglich. Ein Verbot bräuchte es dann nicht.
Das klingt gut. Aber EU-Mühlen mahlen langsam. Ist ein Verbot in Deutschland als schnelle Lösung nicht besser als ewiges Warten auf Brüssel?
Das denke ich nicht. Wir sehen in Australien, dass Jugendliche nach dem Social-Media-Verbot im vergangenen Dezember in ihrer Altersgruppe geblockte Social-Media zum Beispiel mit einer VPN-Verbindung weiter nutzen. Das wird auch in Deutschland passieren. Wir fürchten, dass die Politik ein Verbot als Ausrede nehmen wird, weiter zu wenig für die Medienbildung junger Menschen in Deutschland zu tun. Darin sehen wir das eigentliche Problem.
Der LSA plädiert für die Vermittlung von Medienkompetenz an den Schulen als Alternative zu einem Verbot. Damit fordern sie, was bereits fächerübergreifend Teil des Berliner Lehrplans ist. Kommt die Medienbildung an den Berliner Schulen aus Ihrer Sicht in der Praxis zu kurz?
Meiner und unserer Erfahrung nach, leider ja. Schon das Handyverbot an manchen Schulen halten wir für den völlig falschen Weg. Wie sollen Schüler einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien lernen, wenn sie das von ihnen meistgenutzte Endgerät dafür, das Smartphone, in der Schule nicht nutzen dürfen? Unserer Ansicht nach bräuchte es eine viel bessere digitale Ausstattung der Berliner Schulen und Fortbildungen von Lehrern in der Vermittlung von Medienkompetenz.
Ihre Vorschläge kosten Geld, das in den Landeskassen bekanntlich nicht üppig vorhanden ist. Zudem würden Lehrer, die sich in der Vermittlung digitaler Kompetenz fortbilden, an den vom Personalmangel gebeutelten Schulen fehlen. Wie soll Berlin ihre Forderungen also umsetzen?

Natürlich wollen wir Lehrer nicht alle auf einmal in eine Fortbildung schicken. Uns ist bewusst, dass wir von einem Prozess reden. Aber er muss endlich begonnen werden. Bei der von uns vorgeschlagenen Bundesoffensive für Medienbildung hätte Berlin außerdem Unterstützung von der Bundesregierung. Es geht uns um einen Mentalitätswandel. Medienunterricht ist genauso wichtig für junge Menschen wie Schwimmunterricht und muss auch so gewichtet werden.
Wie meinen Sie das?
Warum bringen wir Kindern das Schwimmen bei? Damit sie später, wenn sie mit Freunden an den See fahren, nicht untergehen. Dasselbe gilt für Social Media. Sie können schlimmen Schaden anrichten, aber sie bieten Jugendlichen auch Chancen der Vernetzung. Ich denke zum Beispiel an queere Jugendliche. Sie finden in der analogen Welt nicht so leicht Räume, um sich auszutauschen.
Da haben Sie recht. Australien gestattet deshalb Jugendlichen unter 16 auch weiter die Nutzung von Messenger-Diensten wie WhatsApp. Was spricht gegen ein Verbot der mit nach Meinung vieler Experten süchtig machenden Algorithmen arbeitenden Plattformen?
Bleiben wir beim Beispiel der queeren Jugendlichen. Sie finden Informationen über WhatsApp-Gruppen zur Vernetzung oft in Videos der Online-Plattform TikTok. Ein Verbot würde ihnen eine wichtige Informationsquelle nehmen. Das gilt auch für politische Nachrichten. Junge Menschen beziehen sie in erster Linie aus sozialen Medien.

Vielleicht würden Jugendliche sich ja auch wieder einen Medienkonsum angewöhnen, der die Sinne nicht überreizt und stärker Angebote des klassischen Journalismus nutzen?
Klassische Medien richten sich an eine ältere Zielgruppe. Junge Menschen fühlen sich häufig wenig angesprochen. Es gibt Beispiele wie das Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF, die Zuspruch finden. Aber bis heute sind das Ausnahmen. Ich denke also nicht, dass junge Menschen in großer Zahl wieder zu den klassischen Medien zurückkehren bei einem Verbot. Nach ihrem 16. Geburtstag dürften sie ja dann sowieso alles nutzen und das ohne Vorbereitung.
Sie warnen davor, Jugendliche bei einem Verbot mit 16 Jahren unvermittelt in die digitale Medienwelt zu entlassen. Dann wäre das von der SPD vorgeschlagene Modell eines nach Alter gestaffelten Zugangs zu sozialen Medien doch eine elegante Lösung?
Der Vorschlag der SPD klingt interessant. Aber es fehlt uns auch bei dieser Idee die Umsetzung von mehr Medienbildung in Deutschland. Bei der Verbotsdebatte stört uns auch, dass soziale Medien oft als einziger Grund für die Zunahme von psychischen Krankheiten unter jungen Menschen erscheinen. Das macht es einfach, über vieles nicht zu sprechen, was Jugendliche beeinträchtigt, von Gewalt an den Schulen bis zur Kriegsgefahr oder der Angst vor sozialem Abstieg.
Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Jungen Menschen wurde in den vergangenen Jahren viel abverlangt. Auf die Einschränkungen der Pandemie folgte die Wehrdienstdebatte. Fürchten Sie, dass ein Verbot von Social Media die Unzufriedenheit von Jugendlichen verstärken könnte?

Junge Menschen merken, dass sie viel für die Gesellschaft tragen sollen, aber wenig von ihr zurückbekommen. Egal, ob es um die Rente oder das Klima geht, Jugendliche finden kaum Gehör. Schülervertreter haben sich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass junge Menschen als Betroffene beteiligt werden, wenn es um den Wehrdienst geht. Das wollte die Politik nicht. Bei einem Social-Media-Verbot geraten nun digitale Räume für junge Menschen in Gefahr, während in der analogen Welt gleichzeitig die Jugendzentren reihenweise schließen. Das ist schon frustrierend.






