Berlin

Lange Nacht der Wissenschaften: Sprachforscher André Meinunger sieht in Schimpfwörtern einen Sieg über die Gewalt

Das Berlinische ist reich an Beleidigungen: Flitzpiepe, Zimtzicke, Pissnelke, Fatzke, Dussel, Rabenaas, falscher Fuffzijer, Nappsülze. Man könnte glauben, Berlin sei reicher an Schimpfwörtern als andere Regionen. Doch Vorsicht. Viele angeblich typisch regionale Schimpfwörter seien nur Übertragungen eines allgemein geläufigen Wortes in die jeweilige Mundart, sagt der Sprachwissenschaftler André Meinunger.

Da kommen etwa die Sachsen mit den Begriffen „Fleeschl“ und „Foddse“ für einen ungehobelten Mann oder eine Frau, die man nicht leiden kann, Norddeutsche mit „Fuulpelz“, Bayern mit „Flitschal“ für eine sexuell sehr aufgeschlossene Frau. Doch wenn man genauer hinschaue, so Meinunger, sehe man die bekannten Wörter – von Flegel bis Flittchen.

„Sie Vollpfosten! – Erweitern Sie Ihr Schimpfwortvokabular“, heißt der Vortrag André Meinungers in der Langen Nacht der Wissenschaften. Der Sprachforscher befasst sich darin mit einem höchst kreativen Sprachbereich, der bisher wissenschaftlich nur wenig Beachtung fand. Meinunger selbst kam eher durch einen Zufall dazu. „Von Hause aus bin ich eigentlich Grammatiker“, sagt er, „befasse mich also mit Dingen, die für die meisten langweilig sind.“

„Kacke sagt man nicht, Mama. Stimmt’s?"

Meinunger wurde 1969 geboren, wuchs im südthüringischen Themar auf, studierte in Leipzig und Genf Sprachwissenschaft, machte seinen Doktor und arbeitet heute im Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft in Mitte. Einem größeren Publikum bekannt wurde er 2008 mit seinem Buch „Sick of Sick?“, in dem er nachwies, an welchen Stellen die Sprachkritiken des populären „Zwiebelfisch“-Autors Bastian Sick halbwahr und ungenau sind, auf Erfundenem oder falsch Verstandenem beruhen. 2017 veröffentlichte der Dudenverlag Berlin Meinungers Buch „Sie Vollpfosten!“, entstanden nach einer Bitte des Verlages, doch etwas über Schimpfwörter zu schreiben.

Malediktologie heißt die kleine Forschungsrichtung, die sich mit dem Schimpfen, Fluchen und Beleidigen befasst. Ihr Begründer ist der aus Bayern stammende Deutsch-Amerikaner Reinhold Aman, geboren 1936.

Meinunger will dazu beitragen, das Schimpfen aus der Schmuddelecke zu holen. „Jeder schimpft“, sagt er. „Das ist etwas Natürliches und gehört zur verbalen Kultur.“ Bereits Babys äußerten ihr Unbehagen lautstark. Kleinkinder provozierten mit jenen Worten, die sie auf keinen Fall sagen sollen: „Kacke sagt man nicht, Mama. Stimmt’s? Kacke ist ein schlimmes Wort!“

Grundsätzlich besitze das Schimpfen eine positive Funktion, sagt Meinunger. Es sorge für Aggressionsabbau, sei ein emotionaler Blitzableiter. Studien zeigten, dass beim Schimpfen und Fluchen körperlicher Schmerz und Kälte weniger stark empfunden werden. Wenn es nicht in Gewalt ausarte, müsse das Schimpfen – so unangenehm es oft sei – „als Sieg der Kultur über die Natur gewertet werden“. Denn wer jemanden beschimpfe und nicht schlage, der gehe davon aus, dass sein Gegenüber ein fühlendes Wesen sei, das allein durch Worte verletzt werden könne.

Dem Phänomen des „Hate Speech“, das heute in digitalen Medien um sich greift, hält Meinunger ein Paradoxon entgegen, die sogenannte Pollyanna-Hypothese, die vor zwei Jahren in einer großen Studie wieder bestätigt worden sei. Man untersuchte Medien und Filme quer durch die Welt. „Dabei stellte man fest: Es gibt mehr Wörter für schön, für gut, für angenehm“, sagt Meinunger. In der Sprache herrsche eine universelle Tendenz zum Guten. „Meist wird über Verrohung geklagt, nicht darüber, dass zu nett gesprochen wird.“

„In der Regel stammen Schimpfwörter aus Tabubereichen“, so Meinunger. Dabei gibt es interessante kulturelle Unterschiede. Schimpfwörter im Deutschen stammen Untersuchungen zufolge vor allem aus dem Fäkalbereich. Die häufigsten Begriffe seien „Arschloch“ und – beim Fluchen – „Scheiße“, sagt Meinunger. Auch Wörter wie „Pisser“, „Furz“, „Schleimscheißer“ und „Kotzbrocken“ stehen dafür. In romanischen Sprachen herrsche dagegen das Sexuelle vor, auch im Englischen: Beispiele sind „Motherfucker“, „cunt“, „wanker“, „jerk“ und „prick“. In Skandinavien bezögen sich viele Schimpfwörter auf Glaube und Religion, in den Niederlanden auf Krankheit und Tod. Hier wünscht mancher dem anderen „Krijg de klere“ (Krieg die Cholera) oder „Krijg het lazarus“ (Krieg Lepra) an den Hals.

Das älteste belegte Schimpfwort ist 3000 Jahre alt

Wahre Schimpfparadiese finden sich in Osteuropa. Im Russischen gibt es sogar einen sogenannten Schimpfdialekt, genannt Mat. Es ist ein ganzes Register aus wenigen obszönen Wörtern, die man vielfältig kombinieren kann. Es beruht auf vier Begriffen: „Chui“ (Schwanz), „Pisda“ (Fotze), „Jebat“ (ficken) und „Bljad“ (Hure). In Japan und in der Südsee dagegen wird kaum geflucht und geschimpft.

Woher all diese kulturellen Unterschiede kommen, sollte weiter erforscht werden, findet Meinunger. Vielleicht wird in Berlin dazu irgendwann ein interdisziplinäres Forschungsprojekt mit Historikern, Psychologen, Ethnologen und Sprachforschern ins Leben gerufen?

Das älteste belegte Schimpfwort heißt „Hund“, ist 3000 Jahre alt und stammt aus dem altindischen Rigveda. Neuere Schimpfwörter kommen oft aus der Jugendsprache, wie etwa „Bitch“, „Honk“ oder „Aslak“, das aus dem Türkischen abgeleitet ist und dort „Schmarotzer“ oder „Parasit“ bedeutet. Der Schimpfwortbereich ist für Meinunger einer der kreativsten überhaupt. Jeder könne etwas beitragen. Beispiele dafür seien etwa die mittlerweile Hunderten Varianten nach dem „Warmduscher“-Modell.

Alles über Schimpfwörter: „Sie Vollpfosten! – Erweitern Sie Ihr Schimpfwortvokabular“, Vortrag, Haus der Leibniz-Gemeinschaft, Zentrum Allgem. Sprachwissenschaft, 18.45 Uhr (Karte Nr. 8).