Köpenick

Er spielte den „Massenmörder“: Was Mario Adorf mit Köpenick verbindet

Wie die Menschen in einer kleinen Straße in Wendenschloss den Auftritt eines großen Mannes erlebten. Zurück bleibt ein Stolperstein für einen „Massenmörder“, den es nie gab.

Mario Adorf (l.) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im August 2021 bei der Stolpersteinverlegung für Bruno Lüdke in Köpenick
Mario Adorf (l.) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im August 2021 bei der Stolpersteinverlegung für Bruno Lüdke in KöpenickKatrin Bischoff/Berliner Zeitung

Ich bin immer neugierig, wenn mein Mann mir eine Textnachricht schickt. Nicht selten vermeldet er darin den Tod eines Sängers, Schauspielers oder Schriftstellers, dessen Werke wir schon seit Kindesbeinen verfolgt haben. Man kommt halt in ein schwieriges Alter.

Am Donnerstag allerdings kam keine derartige SMS. Ich war in Frankfurt (Oder), saß im dortigen Landgericht, wo es keinen Empfang gibt. Umso trauriger war ich, als ich auf der Heimfahrt in den Nachrichten vom Tod Mario Adorfs erfuhr. Trotz seines hohen Alters war es dann doch plötzlich und unerwartet. Es hieß, der große Mime habe sich schon 2019 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Kann das stimmen? Ich hatte ihn doch gerade erst erlebt.

Nein, es stimmt nicht. Denn Mario Adorf war noch 2021 ganz nah dran an den Menschen – mitten in Köpenick. Es waren keine Filmaufnahmen, seine Bühne hatte Adorf in einer kleinen Straße in meiner Nachbarschaft, in Wendenschloss. Da stand er, schüttelte Hände, gab Autogramme. Ganz oldschool.

Es war ein heißer Augusttag vor fünf Jahren. Ein Sonnabend. Die Sonne knallte auf die Straße Grüne Trift in Wendenschloss. Kein Baum, kein Schatten. Nur Asphalt, Einfamilienhäuser – und neugierige Blicke aus einem Plattenbau gegenüber. Denn jeder hier wusste, gleich wird er kommen: Mario Adorf.

Die Leute auf der abgeriegelten Straße warteten. Geduldig. Mit Rosen in den Händen. Und den Handys, die Bilder machen sollten. In der Grünen Trift war Bruno Lüdke aufgewachsen. Ein gutmütiger, geistig behinderter Mann, der von den Nazis 1944 als angeblicher Massenmörder zu Tode gequält worden war. Zu Unrecht, wie sich viele Jahrzehnte später herausstellen sollte. Lüdke, dem 53 Morde zur Last gelegt worden waren, hatte nie einem Menschen Leid zugefügt. Und genau darum ging es an diesem Tag, um späte Gerechtigkeit.

Ein Stolperstein sollte verlegt werden. Für Bruno Lüdke. Für die Wahrheit. Und ausgerechnet der Mann, der ihn einst als „Monster“ gespielt hatte, wollte das: Mario Adorf, der durch die Rolle des Bruno Lüdke 1957 im Film „Nachts, wenn der Teufel kommt“ seine Weltkarriere begann. Doch der Ruhm hatte einen bitteren Beigeschmack: Er basierte auf einer Lüge.

Als Wissenschaftler vor wenigen Jahren die Unschuld Lüdkes belegten, schwieg Adorf nicht. Im Interview mit der Berliner Zeitung sagte er vor der Stolpersteinverlegung, dass sich bei ihm das Verantwortungsgefühl gemeldet habe, nachdem die volle Unschuld des bis dahin verteufelten „Massenmörders“ Lüdke erforscht und bewiesen worden sei.

Er, Adorf, habe Lüdke durch „meine Darstellung einen jahrzehntelangen Ruf des Verbrechers aufgedrückt“, unter dem die Familie des Mannes noch heute leide. Adorf wollte wiedergutmachen, was seine Rolle in den Köpfen hinterlassen hatte. Er schrieb den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier an, bat um Rehabilitierung und einen Stein in Köpenick.

Alles, was von Mario Adorf und Bruno Lüdke bleibt in Köpenick: ein Stolperstein
Alles, was von Mario Adorf und Bruno Lüdke bleibt in Köpenick: ein StolpersteinKatrin Bischoff/Berliner Zeitung

Ich weiß nicht, ob jemals ein Stolperstein an Bruno Lüdke erinnern würde, wenn nicht ausgerechnet Adorf darauf gedrängt hätte. An jenem Sonnabend also kam der Schauspieler nach Köpenick. Völlig ohne Starallüren. Er war nicht allein: Auch Steinmeier stieg aus dem Auto.

Adorf trat vor den frisch gesetzten Stolperstein, legte eine Rose nieder, schwieg einen Moment. Dann sagte er, sein Anliegen sei es, „ein großes Unrecht“ wiedergutzumachen. Es war eine große Geste.

In der Menge standen viele, die das bewegte. Einen ganz besonders: ein Angehöriger von Bruno Lüdke. Seine Oma war Brunos Schwester. Adorf ging auf ihn zu, gab ihm die Hand, sprach mit ihm.

Zurück bleibt ein Stolperstein für Bruno Lüdke

Die Familie habe immer gewusst, dass Lüdke kein Massenmörder war, sagte der Verwandte später. Nun aber habe Bruno endlich Gerechtigkeit erfahren – dank des Schauspielers Mario Adorf auch in der Öffentlichkeit.

Adorf blieb noch eine Weile. Er plauderte mit den Menschen, war kein Star, sondern ganz nahbar. Dann wurde er gebeten, wieder ins Auto zu steigen. Er winkte zum Abschied. Zurück blieb der Stolperstein in Köpenick für Bruno Lüdke. Und die Erinnerung an einen Schauspieler, der Größe zeigte – nicht auf der Leinwand, sondern im echten Leben.