Event in Berlin

Die Lange Nacht der Wissenschaften will gegen Fake News angehen

Zwei Jahre lang musste die Lange Nacht der Wissenschaften wegen Corona pausieren. Am 2. Juli öffnen wieder 60 Unis und Hochschulen ihre Türen für 1400 Angebote.

Auch diesmal soll es für Besucher der Berliner Hochschule für Technik (BHT), ehemals Beuth-Hochschule, wieder eine Lasershow geben.
Auch diesmal soll es für Besucher der Berliner Hochschule für Technik (BHT), ehemals Beuth-Hochschule, wieder eine Lasershow geben.dpa/Paul Zinken

Endlich ist es wieder so weit. Drei Jahre sind vergangen, seit die letzte Lange Nacht der Wissenschaften stattfand. Das war 2019. Die Pandemie sorgte für eine lange Pause. Doch am kommenden Wochenende öffnen wieder mehr als 60 Einrichtungen in Berlin und Potsdam die Türen für Besucherinnen und Besucher. Die Lange Nacht der Wissenschaften (LNDW) 2022 findet am Sonnabend, 2. Juli, von 17 bis 24 Uhr statt.

Es gehe darum, „Wissenschaft verstehbar, sichtbar, hörbar, auch fühlbar zu machen“, sagte Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote bei der Vorstellung des Programms. Insgesamt kann man aus 1400 Programmpunkten wählen. Mit dabei sind die Berliner Universitäten – zum ersten Mal auch die Universität der Künste (UdK) – und verschiedenste Hochschulen, Institute und Einrichtungen Berlins. Viele Angebote richten sich an Kinder und Jugendliche, die etwa erfahren können, wie man an einer ägyptischen Schreiberschule arbeitete, bei archäologischen Ausgrabungen vorgeht, Raketen baut oder das Wetter vom Klima unterscheidet.

Ein Haus aus Pilzen und der Wandel von Perspektiven

Die Technische Universität (TU) zeigt in ihrer Universitätsbibliothek ein Haus aus Pilzen, das „MY-CO SPACE“ heißt. Das Pilz-Häuschen sei hervorragend gedämmt gegen Kälte und Hitze, sagte die TU-Forscherin Vera Meyer. Bauen ließen sich solche Häuser, indem man auf massenhaft anfallenden Holz- und Pflanzenresten der Land- und Forstwirtschaft bestimmte Pilze wachsen lasse. Es entstünden neue Verbundstoffe.

„Diese sind eine mögliche Antwort auf die Frage: Wie können wir nachhaltiger leben, und wie können wir mit begrenzten Ressourcen bauen?“, sagte Vera Meyer. An der TU geht es auch um gedruckte Organmodelle zur Entwicklung neuer Medikamente, um im Labor gezüchtetes Fleisch, um ein ausgefeiltes OP-Lüftungssystem gegen Krankenhauskeime und um Sexroboter. Im Berliner Westhafen kann man bei Führungen das erste emissionsfreie Schubboot „Elektra“ besichtigen.

„MY-CO SPACE“ – so heißt das Haus aus Pilzen an der TU Berlin.
„MY-CO SPACE“ – so heißt das Haus aus Pilzen an der TU Berlin.TU Berlin/Christian Kielmann

Die Veranstaltungen an der Humboldt-Universität (HU) befassen sich unter anderem mit den aktuellen Krisen. Die Uni zeigt, wie sich die verschiedenen Fachgebiete Problemen stellen: etwa psychologischen Fragen der Klimakrise, dem Umgang mit der kolonialen Vergangenheit, der Geschlechterdebatte. Worum es dabei geht, sagt bereits der Titel der Reihe, die um 17 Uhr im HU-Senatssaal beginnt: „Perspektiven ändern“. An der Freien Universität (FU) wiederum organisiert das Osteuropa-Institut eine interdisziplinäre Diskussion über die Konsequenzen des Russland-Ukraine-Krieges „mit einem Fokus auf unerwarteten und langfristigen Folgen“, wie die FU mitteilt.

Die Lange Nacht der Wissenschaften (LNDW) entstand einst aus der Langen Nacht der Museen. Zum ersten Mal fand sie in Berlin 2001 statt. Durchschnittlich hat sie 25.000 Besucherinnen und Besucher, wie die Veranstalter mitteilen. Sie wird von den Einrichtungen selbst organisiert und finanziert, unterstützt von zahlreichen Partnern. Veranstalter ist der LNDW e. V., dessen Vorstandsvorsitzender Ulrich Panne darauf hofft, dass es in diesem Jahr eine neue Dynamik in den Gesprächen zwischen der Wissenschaft und den Besucherinnen und Besuchern gibt.

Die Kampagne der Langen Nacht lautet: „Fake News? Sei klüger!“

„In einer Welt, in der Falschinformationen immer schneller verbreitet werden, kommt der Wissenschaft eine besondere Bedeutung zu“, sagte Ulrich Panne. Nicht zuletzt von den Erfahrungen aus der Corona-Zeit geprägt, haben die Veranstalter gar eine „Kampagne der LNDW 2022“ ausgerufen: „Fake News? Sei klüger!“ Dazu heißt es: „Die Lange Nacht der Wissenschaften bezieht Position gegen Falschdarstellungen, erfundene Behauptungen und Irrationalismus mit der Leitidee: Wissenschaft als Antwort auf Fake News, Verschwörungstheorien und fatale Irrtümer.“

Doch lässt der Event-Charakter einer solchen Nacht überhaupt Raum, sich einer gründlicheren Debatte zu stellen – gar nach dem Motto, das Ulrich Panne während der Programmvorstellung so formulierte: „Wissenschaft und Demokratie werden erst durch Anfechtungen gestärkt“? Wie das gelingt, hängt ja nicht zuletzt von der Form der Auseinandersetzung ab.

Auch das weltweit erste emissionsfreie Schubboot „Elektra“ der TU soll in der Langen Nacht zu besichtigen sein.
Auch das weltweit erste emissionsfreie Schubboot „Elektra“ der TU soll in der Langen Nacht zu besichtigen sein.TU Presse/Felix Noak

In der Fülle der Veranstaltungen soll es viele Anknüpfungspunkte dafür geben. „Wie unterscheiden wir Fakten von Fake News?“, lautet etwa die Frage, um die sich alles im Futurium dreht. Bei einem Rundgang durch dieses Haus für Zukunftsfragen am Alexanderufer 2 in Mitte gibt es „wissenschaftliche Fakten zum Klimawandel“. Wissenschaftler und Journalisten reden darüber, wie man Meldungen in kürzester Zeit auf Relevanz und Wahrheitsgehalt prüfen kann.

„Angst essen Fakten auf“, heißt ein Vortrag im Wissenschaftspark Albert Einstein auf dem Telegrafenberg in Potsdam. Die dortigen Wissenschaftler – die sich mit Geoforschung, Erderkundung aus dem All, Astrophysik und Klimawandel befassen – werden oft mit seltsamsten Theorien konfrontiert, etwa von der flachen oder der hohlen Erde. Im Vortrag „Schreie aus der Tiefe – haben wir die Hölle angebohrt?“ geht es zum Beispiel um eine Tiefenbohrung, die einst große Aufregung auslöste.

Luftraketen-Weitschuss-Wettbewerb der Sternwarte

Mit dabei auch „Deutschlands größte und älteste Sternwarte“, die Archenhold-Sternwarte, gegründet 1896. Mit Bastelstationen, Luftraketen-Weitschuss, Beobachtung von Himmelskörpern und der Vorführung historischer astronomischer Geräte auf dem Dach gibt es ein breites Programm. Aber auch Astronomen sind alles andere als weltfremd. „Wir können aus dem All sehen, wie das Klima sich auf der Erde ändert“, sagt Tim Florian Horn, Vorstand der Stiftung Planetarium Berlin, „und wir sehen, dass unsere Erde der einzige Ort im gesamten Universum ist, an dem wir leben können.“

Zum Organisatorischen: Die Informationen zu Orten, Zeiten, Bedingungen der Veranstaltungen findet man im Internet unter: langenachtderwissenschaften.de. Leider gibt es kein Programmheft – etwa für Leute, die nicht so internetaffin sind, sich aber dennoch für Wissenschaft interessieren. Diese müssen sich also jemanden suchen, der ihnen dabei hilft, das Programm zusammenzustellen. Das funktioniert online gut mithilfe von Filtern. Erstmals gibt es auch einen digitalen Ticketverkauf über die LNDW-Webseite oder Ticketmaster-Vorverkaufsstellen.