David Bowies Tod am 10. Januar 2016 schockte viele: Denn erst zwei Tage zuvor, an seinem 69. Geburtstag, war sein neues Album „Blackstar“ erschienen, und von seiner Krebserkrankung wusste nur ein ganz kleiner Personenkreis. Zehn Jahre später sind Bowies Songs medial präsenter als zu seinen späten Lebzeiten, nicht nur in diversen remasterten Alben und Boxsets. Alexander Scheer singt seine Songs im Berliner Ensemble, Frank Schätzing hat im Buch „Spaceboy“ seine starke Verbundenheit beschrieben, der Kinofilm „Moonage Daydream“ führt durch Bowies Universum.
„Bowie – Der letzte Akt“ hat der britische Filmemacher Jonathan Stiasny seine Dokumentation für Channel 4 genannt, die von WDR, BR und Arte koproduziert wurde. „Er hat sein eigenes Requiem geschrieben – wer macht so etwas?“, fragt sein langjähriger Pianist Mike Garson in der Ouvertüre. Dabei nehmen die Videos und Interviews zum letzten Album „Blackstar“ nur 15 Minuten der Anderthalb-Stunden-Doku ein.
Kritiker sollten sich überlegen, ob sie ihre Verrisse den Künstlern direkt ins Gesicht sagen würden
Doch der Film stellt die These auf, dass alle Phasen, alle Brüche in der extrem wechselvollen, schillernden Biografie von David Bowie in seinem finalen Alterswerk zusammenfließen. Die ebenso fesselnde wie berührenden Doku erzählt nicht chronologisch, sondern springt vor und zurück, sucht und findet prägende Ansätze im gesamten Schaffen. So eröffnet der Film mit Bildern von Bowies Welttour im Jahr 1983, als er sein Album „Let’s Dance“ auf 96 Konzerten zwischen Neuseeland und Kanada feierte und auf dem Gipfel des Erfolgs stand.
Doch Bowie ritt keine Erfolgswelle bis zum Auslaufen, sondern war für seine rapiden Volten bekannt – zum Verdruss von Fans und Mitmusikern. „Er war wie ein Kind mit einem Zimmer voller Spielsachen, er hatte alles schnell satt“, resümiert Gitarrist Earl Slick, der mehrfach entlassen und zurückgeholt wurde. Die Auswahl der Interviewpartner ist exquisit: Neben Slick und Keyboarder Mike Garson blickt Produzent Tony Visconti auf Bowies Leben zurück – einer der wenigen, der ununterbrochen mit ihm verbunden war.
Die Jugendfreundin Dana Gillespie erinnert sich an den jungen Himmelsstürmer und an seinen sagenumwobenen ersten Auftritt auf dem Glastonbury-Festival 1971: Bowie trat um fünf Uhr früh zum Sonnenaufgang auf. Auch Musikkritiker kommen zu Wort. So muss Jon Wilde seinen Verriss im „Melody Maker“ vorlesen, nachdem er das zweite Album von Bowies Hardrock-Projekt „Tin Machine“ seinerzeit eine „Schande“ und Bowie eine „Witzfigur“ nannte. Doch er erfuhr: Der Außerirdische stand keineswegs cool über den Dingen, sondern brach beim Lesen in Tränen aus. Kritiker sollten sich vielleicht überlegen, ob sie ihre Verrisse den Künstlern auch direkt ins Gesicht sagen würden.
Bowies Totentanz in „Lazarus“ geht noch immer unter die Haut
Optisch kann Jonathan Stiasny natürlich aus dem Vollen schöpfen, denn Bowie hatte zeitlebens sehr viel Wert auf Style, Design, Outfit und Videos gelegt. Der Weltraum wird immer wieder zum Spielort – von seinem Auftauchen als „Ziggy Stardust“ bis zum Heimgang in „Blackstar“. Die Gitarre schwebt schwerelos im All, mit Chris Hadfield kommt sogar ein Astronaut zu Wort.
Wie David Bowie im Video „Lazarus“ seinen Totentanz vollführt, das geht immer noch unter die Haut; Kollegen wie Moby und Goldie preisen sein Alterswerk sogar als das beste Album. Wieviele Musiker er angeregt hat, das zeigt die zweite Bowie-Doku auf Arte. In „Heroes Never Die“ spielen Größen wie The Divine Comedy („Starman“), Pete Doherty und Carl Barat („Rock’n’Roll Suicide“) oder Anna Calvi („Sound And Vision“) Bowie-Klassiker.
Bowie – Der letzte Akt | Heroes Never Die. Am 16. Januar ab 21.45 Uhr auf Arte sowie in der Mediathek. „Moonage Daydream“ läuft noch im Kino im Planetarium.
