Klassik

Darf man im Krieg Musik machen? Die Oper Zürich zeigt: Man muss!

Die Welt ist voller Gewalt und Lügen. Musik kann gegenhalten, weil der Mensch mehr ist als eine ökonomischer Variable.

Das Ensemble Pygmalion mit dem Kinderchor und SoprAlti der Oper Zürich, unter der Leitung von Raphaël Pichon spielen die Matthäus-Passion am Donnerstag 26. März 2026 in der Oper Zürich.
Das Ensemble Pygmalion mit dem Kinderchor und SoprAlti der Oper Zürich, unter der Leitung von Raphaël Pichon spielen die Matthäus-Passion am Donnerstag 26. März 2026 in der Oper Zürich.Opernhaus Zürich/Gaetan Bally

In Zürich wurde dieser Tage die Oper zur Kathedrale. Zur selben Zeit wurde dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem „zum ersten Mal seit Jahrhunderten“ das Betreten der Grabeskirche untersagt, wie das Lateinische Patriarchat am Sonntag erklärte. Ihm und dem Kustos sei von der israelischen Polizei in „einer offensichtlich unangemessenen und völlig unverhältnismäßigen Maßnahme“ der Zutritt verweigert worden.

Kardinal Pierbattista Pizzaballa hat sich in der Vergangenheit kritisch zu Israels Vorgehen in Gaza geäußert. In Gaza dienen die Kirchen längst als Bunker oder als Notunterkunft für Flüchtlinge. Im Libanon werden in den immer wieder aufflammenden Kriegen Kirchen zerstört. In Syrien gab es unter der Oberaufsicht des dieser Tage in Berlin zum Staatsbesuch empfangenen ehemaligen Al-Kaida-Kämpfers regelrechte Christenverfolgungen. Es geht ums nackte Überleben. An eine Erbauung durch geistliche Musik denkt dort niemand.

Die Liturgie ist Opfer des Todeskults geworden, der sich immer neu ernährt aus Gier, Gewalt und moralischem Nihilismus. Das Vakuum breitet sich aus und verschlingt das Heilige Land. Die modernen Kriege werfen sich den Mantel der Religion über. Der US-Kriegsminister betet um Gottes Beistand in der Schlacht. Das findet sogar der Papst so ekelhaft, dass er erklärt, der christliche Gott erhöre keine Gebete, mit denen das Blut der Feinde gefordert wird.

Die christlichen Kirchen haben sich durch ihre Kinderschänder-Verbrechen so weit von Jesus entfernt wie seit Luther nicht. Im Westen machen die Kirchen den Mächtigen die Mauer, egal, ob Krieg, Corona oder politische Anpassung. Die „Gläubigen“ wandern in Scharen ab, zumal in Deutschland, wo die „Kirchensteuer“ als einziges Bindeglied zwischen den Getauften und der Institution verblieben ist. Und so vagabundiert die Botschaft von der Menschenliebe, die Hoffnung auf die Transzendenz dieses Elends durch weltliche Räume.

Das Opernhaus in Zürich
Das Opernhaus in ZürichAndrin Fretz

Bachs „Matthäus-Passion“ mit dem Ensemble Pygmalion

Im Rahmen des Festivals Zürich Barock hat der Intendant Matthias Schulz das Opernhaus geöffnet für eine spirituelle Straßenmission: Johann Sebastians Matthäus-Passion, aufgeführt vom Ensemble Pygmalion. Raphaël Pichon hat die Aufführungspraxis auf ein neues Niveau gehoben und gibt der Musik Bachs damit gerade in einer Zeit von Anfechtungen und Gefechten eine zusätzliche Dimension: Er verbindet Nikolaus Harnoncourts Idee der „Musik als Klangrede“ mit dem unbestechlichen moralischen Imperativ von Jordi Savall.

Savall erklärt vor den meisten seiner Konzerte kurz, welcher Opfer von Kriegen heute gedacht werden solle. Pichon nutzt den Theaterraum, um das Oratorium in eine Oper zu verwandeln. Die Musik Bachs taucht Pichon zu diesem Zweck in ein Schaumbad französischer Raffinesse, mit Agogik, Ornamenten, Tempowechsel, Freiheiten und einer brillanten Continuo-Gruppe mit Virtuosen an Orgel, Cembalo und Theorbe. Das Drama von Leiden und Tod Jesu setzt Pichon menschlich in Szene. Der Evangelist, Julian Prégardien, erzählt die Geschichte auswendig. Die Solisten wenden sich immer wieder an Jesus, gesungen von Stéphane Degout.

Raphaël Pichon setzt mit der Matthäus-Passion in der Oper Zürich neue Maßstäbe.
Raphaël Pichon setzt mit der Matthäus-Passion in der Oper Zürich neue Maßstäbe.Opernhaus Zürich / Gaetan Bally

Die Verschränkung von objektiver Historie und persönlicher Betroffenheit erreicht die Zuhörer noch unmittelbarer als in anderen Interpretationen. Die Bach-Passionen haben eine lange Rezeptionsgeschichte: Mendelssohn, Helmuth Rilling, Harnoncourt – Pichon schließt zu dieser Liga auf. Allen heimischen Chören seien die Aufnahmen dringend zur Nachahmung empfohlen. Pichons Musik trifft den Zuhörer ins Mark und vermittelt so aus ihrer inneren Qualität heraus auch eine politische Botschaft – gegen den Krieg, gegen die Gewalt, gegen die Lügen.

Zürich Barock: Es geht um relevante Menschheitsfragen

Die besondere Wirkung der Züricher Aufführung hat auch mit dem einzigartig intuitiven Konzept von Zürich Barock zu tun. Es ging im Elfenbein-Turm der Oper nicht um L’art pour l’art, sondern um die relevanten Fragen der Menschheit: In Jean-Marie Leclairs „Scylla et Glaucus“ um die tödliche Wirkung der enttäuschten Liebe, als der Ursache fast jedes Konflikts; in Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ um die Apokalypse des Kriegs und die unverwüstliche Hoffnung auf den Sieg der Liebe über den Hass.

Eine Szene aus Scylla et Glaucus an der Oper Zürich
Eine Szene aus Scylla et Glaucus an der Oper ZürichMonika Rittershaus

Im Mittelpunkt aller Aufführungen stand Weltklasse-Qualität, sei es bei Händel durch das inspirierte hauseigene Orchestra La Scintilla unter Gianluca Capuano; oder bei Leclair durch Emmanuelle Haïm und ihr Concert d’Astrée. Dessen Mitglieder dekonstruierten zu fünft den Komponisten Leclair als Geigen-Virtuosen in einem Kammerkonzert im ZKO-Haus. Sie zeigten: Es braucht nur ein paar richtige Striche, ein bewegliches Handgelenk und ein gutes Herz, um die Welt zu retten.