Die Berliner Philharmoniker kehren nach Salzburg zurück. Die für genau dieses Orchester ins Leben gerufenen Osterfestspiele haben wechselvolle Jahre hinter sich. Am Mittwoch präsentierten Intendant Nikolaus Bachler, Kirill Petrenko, Eva-Maria Tomasi aus dem Orchestervorstand und der Bariton Christian Gerhaher die „Heimkehr“ an einen für die Berliner seit jeher magischen Ort. Bachler schränkte jedoch ein, dass es für Musiker eigentlich keine physische Heimat gebe, sondern nur die Musik.
Die kleine Bemerkung zeigt, dass das kultische Selbstbild der Gründergeneration längst überwunden ist. Geblieben ist das elitäre Publikum, welches immer noch nach Salzburg pilgert und genug Geld in die Kassen spült, um außergewöhnliche Projekte zu ermöglichen. Das hat sich bereits vor einiger Zeit geändert und es werden auch Karten zu erschwinglichen Preisen, vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene angeboten.
Herbert von Karajan war Teil des Jetset und verstand sich als Hohepriester einer profanen Spiritualität. Das war 1968 angesagt, die Hippies gingen nach Indien zum Yogi, die sich für schön haltenden Reichen ließen sich ihre Seelen von Karajan massieren, was dieser mit geschlossenen Augen auch gerne vollzog. Den normalen Musikliebhabern war der Eintritt in die Tempel des Osterfests der Hedonisten verwehrt. Nur die ganz Hartnäckigen bissen sich durch – und zu ihnen zählte auch Petrenko.
Er berichtet, dass er als Musikstudent auf dem Stehplatz Boris Godunow gehört habe. Und nun sei er dankbar, dass er seiner Wahlheimat Österreich, „dem Musikland“, etwas zurückgeben könne. Solche Erdverbundenheit war Karajan fremd, Petrenko dagegen kommt zu jeder Probe, arbeitet akribisch, fragt sich, was „der Wagner“ mit dem Tarnkappenmotiv sagen wollte, wenn es am Anfang der Rings „Verschwinden“ und am Ende „Vergessen“ bedeuten soll.
1968 war es Karajans Ring, ab 2026 ist es Petrenko, der mit dem „Rheingold“ beginnt. Die Felsenreitschule ist vielleicht nicht die naheliegende Spielstätte für den Ring. Aber der geplante Umbau des Festspielhauses zwang die Veranstalter in den „archaischen“ Raum. Es ist ein Glück, dass Petrenko diese heikle Mission zu erfüllen hat. Wie kein anderer kann er es.
Seine Wagner-Interpretationen sind aufführungspraktisch angelegt. Es wird ein völlig neues Team an Stimmen geben, „unverbraucht auf einem weißen Blatt Papier“ will Petrenko musizieren. Er folgt Wagners Vorgabe, dass das Orchester die Sänger tragen soll, wie der Ozean einen Nachen trägt. Es ist auf jeden Fall ein spannendes Experiment, weil, wie Eva-Maria Tomasi sagt, das Orchester eben nicht im Graben, sondern halb auf der Bühne spielt. Damit hören Sänger und das Orchester einander besser, und man müsse nicht schreien, wie Gerhaher erklärt.
