Gegenwartsliteratur

Von wegen Romantik der Straße: Domenico Müllensiefens neue Romanheldin ist eine krasse Lkw-Fahrerin

Der Leipziger Autor erzählt in „Manchmal muss man sich entscheiden“ vom Alltag auf Autobahnen – und von der Wut der Unzufriedenen im Land. Die Buchkritik.

Das Leben im Lastwagen findet auf maximal acht Quadratmetern in der Kabine hinter Lenkrad statt.
Das Leben im Lastwagen findet auf maximal acht Quadratmetern in der Kabine hinter Lenkrad statt.Bernd Weißbrod/dpa

Wenn eine Band in den Rockhimmel schießt, ist meist das erste Album dafür verantwortlich: das überraschende Debüt, Songs, die über Jahre gereift sind, oder ein Sound, der in eine überraschende Richtung weist. Wenn die Band kein One-Hit-Wonder bleibt, etabliert sie ihren Stil mit dem zweiten Album. Oft folgt dann ein Phänomen, das als das „schwierige dritte Album“ bekannt ist. Nicht viel anders ist es in der Literatur. Dort hat nun einer der aufregendsten neuen Autoren aus dem Osten seinen dritten Roman vorgelegt: Domenico Müllensiefen mit „Manchmal muss man sich entscheiden“.

Auch bei dem 38-jährigen gebürtigen Magdeburger stellt sich die Frage, ob er an sein grandioses Debüt „Aus unseren Feuern“ anknüpfen kann und an den wunderbaren Zweitling: „Schnall dich an, es geht los“. So viel vorweg: Mit dem dritten Roman ist der Autor, der in Leipzig lebt, endgültig in der puren Literatur angekommen. Im Debüt hat er viel Selbsterlebtes nach dem Ende der DDR verarbeitet – als junger, orientierungsloser Elektriker und Bestatter in Leipzig. Der zweite Roman spielte in der Region, in der er aufgewachsen ist, in der winddurchfurchten, schönen Altmark, die kaum jemand kennt. Es sind souverän gebaute und wunderbar realitätsnah erzählte Storys aus dem Nachwende-Osten – die volle Breitseite Fabulierlust, wilde, lustige, traurige Sauf-und-Jungs-Geschichten.

Berliner Zeitung

Mit einem Abo weiterlesen

  • Zugriff auf alle B+ Inhalte
  • Statt 9,99 € für 2,00 € je Monat lesen
  • Jederzeit kündbar