Die große Skulptur, die der Künstler Banksy vor ein paar Tagen in London aufgestellt hat, sorgt für Aufsehen. Sie zeigt einen Mann, der in den Abgrund marschiert. Die Flagge, die er trägt, weht ihm ins Gesicht, sodass er nicht sehen kann, wohin er seinen Fuß setzt. Beobachter interpretieren dies als Kritik an blindem Nationalismus oder Patriotismus.
Interessant am neuesten Werk des Künstlers, der seine wahre Identität nicht preisgeben will, ist aber noch etwas anderes: Die Statue wurde auf dem Waterloo Place errichtet, einer Straße umgeben von eleganten Gebäuden in der City of Westminster, mitten in London. Hier stehen mehrere Statuen von Staatsmännern und Militärs des britischen Empire. Während noch über die Echtheit spekuliert wurde, bekannte sich Banksy am Donnerstag per mit Marschmusik unterlegtem Instagram-Video zu dem Werk. Es soll in den frühen Morgenstunden des vergangenen Mittwochs aufgestellt worden sein. Man fragt sich, wie das an einem solch prominenten Ort ohne Genehmigung möglich war. Erst am Donnerstagnachmittag errichteten örtliche Behörden Absperrgitter.
Aber vielleicht gab es eine solche Genehmigung ja auch, jedenfalls begrüßt der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan das Kunstwerk. In einer E-Mail eines Sprechers, aus der die New York Times zitiert, heißt es: „Banksy hat die großartige Fähigkeit, Menschen unterschiedlichster Herkunft für moderne Kunst zu begeistern. Seine Werke stoßen stets auf großes Interesse und lösen Diskussionen aus, und der Bürgermeister hofft, dass sein neuestes Werk erhalten bleibt, damit sich Londoner und Besucher daran erfreuen können.“ Wird Banksy gerade vom aufrührerischen Guerillakünstler, dessen Werke oft genug schnell zerstört oder beseitigt wurden, zu einem, dessen Aktionen Regierungsmitglieder willkommen heißen? Lässt der Aufrührer sich vom Establishment vereinnahmen?
Banksys Kunst ist seit jeher eine Form von Aktivismus. Mit seinen Werken protestiert er gegen Krieg und Gewalt, gesellschaftliche Missstände, Rassismus und Kapitalismus sowie die Mechanismen des Kunstmarkts. Üblicherweise benutzte er eine Schablonentechnik, die es ihm ermöglichte, in kurzer Zeit ein Werk an eine Wand zu sprühen und schnell wieder zu verschwinden.
Banksys vorletztes Werk in London wurde schnell entfernt
2025 kritisierte er mit einem Graffiti in London das harte Vorgehen der Polizei gegen propalästinensische Demonstranten. Die auf die Außenwand des Londoner Gerichtskomplexes gemalte Szene zeigte einen Richter, der einen Hammer zum Schlag auf einen am Boden liegenden Demonstrierenden erhebt. Das Graffiti wurde sofort verdeckt und schließlich entfernt.
