Kolumne

Die Scham des Buckelwals

Droht nun die Rache blonder schwertschwingender Frauen? Das fragt sich unser Autor angesichts der Reaktionen auf die Causa Christian Ulmen.

Buckelwal Timmy, in der Ostsee gestrandet
Buckelwal Timmy, in der Ostsee gestrandetDaniel Müller/dpa

Männer lassen ihren Feminismus besser nicht heraushängen. Sie geraten sonst, so ist zu vernehmen, leicht in Verdacht, sich Geschlechtsverkehre erschleichen zu wollen. „Beischlafbettler“. Angeblich denken sogar Frauen derart über ihre verständigsten Versteher. Solche Nachrede macht was mit Herren.

Die Zeit gabelte bei einer Kundgebung gegen Männergewalt neulich jemanden auf, der sich deshalb solidaritätssignalsendungsgehemmt gab. Seine Sorge war, „als weißer, hetero Cis-Mann“ für einen „performative male“ gehalten zu werden, einen Mitgefühlsdarsteller und Schaufenster-Antipatriarchen. Sehr reflektiert. Oder eine besonders raffinierte Cis-Ranwanze. Männer baggern wie blöde, Männer lügen nicht nur am Telefon. In der Berliner Zeitung warnte eine Frau: „In jedem Mann schlummert ein Monster.“

Die Seele ist hohl und stumpf

Seitdem lausche ich in mich und vermag meine maskuline Monstrosität nicht zu spüren. Nicht im Sinne der Vorwürfe jener Ex-Gattin gegen diesen Schauspieler. Dabei lastet Schlagzeilen zufolge auf Männern gerade ein oszillierender Bekenntnisdruck: „Das unerträgliche Schweigen der Männer“ – „Seid leise, Männer!“ – „Anständige Kerle müssen den Mund aufmachen“ – „Nein, Männer müssen nicht ihr Schweigen brechen“. Die konträren Erwartungen machen manche ganz kirre. Bild präsentierte einen Unterhaltungskünstler, dem ob seiner Erschütterung sogar „das Blut in die Füße gerutscht“ sei. Schlimm. Wenn Blut rutscht, drohen Thrombosen.

Meine Seele dagegen ist hohl und stumpf. Gottlob gibt es genug feinnervige Besinnungsaufsatzautoren. „Wir Männer“, schreiben sie, „wir alle sind das Problem.“ Oder: „Wir Männer können nur noch dankbar sein für jedes bisschen Vertrauen, das Frauen uns entgegenbringen.“ Hoffentlich heben Sühnezeichen das Frauenvertrauen.

Vor XY-Chromosomen-Scham warf sich jüngst ein mutmaßlicher Buckelwalbulle an den Ostseestrand. Damit sich möglichst viele Männer gegenseitig bestrafen können, wird der nächste Weltkrieg voraussichtlich vorverlegt. Ich aber bin weder einer Geschlechtskörperschaft zugehörig noch geneigt, für mehr als meinen eigenen Benimm zu haften. Ich bin nicht „wir Männer“.

Droht nun die Rache blonder schwertschwingender Frauen? Männer, rief Luisa Neubauer, „können froh sein“, dass Frauen „nicht Vergeltung“ wollten. Laut der Rapperin Ikkimel sollten „endlich mal die Männer Angst bekommen“. Die Internetpersönlichkeit Leonie Plaar verlangte, dass „Täter an ihren großen Zehen aufgehangen und öffentlich kastriert werden“. Wobei „Täter“ für sie „offensichtlich doch alle Männer sind“. Kastration heißt heute Vasektomie. Moderne Kerle lassen das freiwillig machen. Wäre ich ihr „Ally“, spendete ich der Hobby-Henkerin den noch knalligeren Ausbruch „Alle an den Klöten aufknüpfen und dann drehen, bis es knarzt!“.

Vielleicht hat der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre einen Schmerz in der Körpermitte antizipiert. Das wäre ein traumatisches Erlebnis. Jedenfalls erklärte er, Schweigen würde als Billigung verstanden, und kündigte Christian Ulmen postwendend, öffentlich sowie foltervorbeugend die langjährige „enge Freundschaft“. Sympathischer war da die Betroffenheitsadresse des Ulmen-Kumpels Fahri Yardim: gequält und deliriös, als baumele ihr Verfasser bereits kopfüber vor der ihn am Gekröse schaukelnden Inquisifluencerin Leonie.

Die Zeit fragt: „Müssen wir heterosexuelle Liebe aufgeben?“

Eine Filmschaffende ließ eine gemeinsame Produktion mit dem Beschuldigten feierlich aus ihrer Vita tilgen. Es heißt, immer mehr Frauen löschten nicht nur üble – deren Vorkommen ich nie bestreiten würde –, sondern sämtliche Typen aus ihrem Leben. Grundsätzlich. Männer sind Schweine, traue ihnen nicht, mein Kind. Das nennt sich „Heteropessimismus“. Die Zeit fragt: „Müssen wir die heterosexuelle Liebe aufgeben?“

Eine taz-Frau antwortet, Männer müssten „unsere kollektive Wut teilen“. Sonst „können wir nicht weiter mit ihnen zusammenleben“. Darüber steht: „Überall ist der Hass der Männer gegen uns Frauen sichtbar.“ Aha. Ob blond, ob braun, ich hasse alle Frauen. So recht? Bildet der Schlägerschlager die Gefühle „der Männer“ und das Männerbild von „uns Frauen“ tatsächlich korrekt ab? Dann freilich wäre es nicht ganz unangemessen, jagte Trump morgen die Welt in die Luft. Das Talent dazu hat er.