RTL-Dschungelcamp: „Eine miese scheiß Show ist das“

Die Jubiläumsstaffel hat begonnen. Eine Woche voller Streit, Prüfungen, fehlender Stars und mit einer rassistischen Eskalation. Der Zwischenbericht zur Halbzeit

Ähm, hat La Renzi etwa Dreck unterm Nagel?
Ähm, hat La Renzi etwa Dreck unterm Nagel?RTL / Stefan Menne

Man könnte es so sehen wie Anouschka Renzi: „Miese scheiß Show ist das“, raunzte die Schauspielerin in der Sendung am Donnerstag, als sie zur Strafe für zahlreiche Regelverstöße ihre Ohrstöpsel abgeben musste. Nach einer knappen Woche im Dschungelcamp hat sie keinen Bock mehr. Keinen Bock auf die Sendung, keinen Bock auf ihre Mitgefangenen, keinen Bock auf die Prüfungen. Man könnte es aber auch so sehen: Die Jubiläumsstaffel „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ und mit ihr La Renzi, hat bei den Zuschauerinnen und Zuschauern bisher für gleichermaßen schadenfrohe Heiterkeit und skandalträchtige Wut gesorgt – alles in bester Ordnung also in unserer liebsten grünen Trash-TV-Hölle.

Das Drama der bei Nicht-Kennern oft als Ekel-TV diffamierten Show begann in diesem Jahr sogar schon vor Staffelbeginn: Die Reality-TV- und somit Streit-erprobte Teilnehmerin Christin Okpara durfte gar nicht erst ins Camp. Hat sie über ihre Covid-19-Impfung etwa geschwurbelt? Offiziell gab es „Unstimmigkeiten zum Impfstatus“. Der Dschungel-Haussender wurde bei der eingeschnappten (und ohne IBES-Teilnahme weiterhin eher unbekannten) Okpara kurzerhand zum Hasssender, die Influencerin stichelte in ihren „Stories“ auf Instagram, wie langweilig die Show doch eh sei. Für Unstimmigkeiten-Okpara kam übrigens Reality-TV-Veteranin Jasmin Herren. Ihr Gatte Willi ist vor nicht einmal einem Jahr plötzlich gestorben, auch darüber sprach Jasmin bereits im Dschungel-Wohnzimmer. Sie, die Witwe, hat mit ihren intimen Plaudereien somit bereits alle RTL-Erwartungen erfüllt. Später sagte die leidenschaftliche Raucherin zu einer gewonnen Bonus-Kippe: „Boah, die hab ich mir direkt in’ Hals gedrückt“. TV-Gold.

Rassistischer Eklat durch Janina Youssefian

Auch nach 18 Jahren, RTL startete mit dem Dschungelcamp 2004 in Australien, bleibt „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ für den Privatsender ein Quotenhit. Platz 1 im Abendprogramm, auch wenn im Vergleich zur legendären Staffel von 2011 (Stichwort: Sarah Dingens) keine acht Millionen Menschen mehr einschalten. Liegt es an den fehlenden echten Stars? Lucas Cordalis, von Beruf ja eigentlich Sohn, aber dafür aber ein sehr bekannter, durfte nämlich auch nicht ins Camp: Er wurde nach seiner Ankunft in Südafrika positiv auf das Coronavirus getestet und ist mittlerweile schon wieder zurück auf Mallorca.

Die erste Dschungel-Woche lieferte dann, neben den gewohnt flachen Witzen, aber tatsächlich auch einen handfesten Skandal. Teilnehmerin Janina Youssefian, berühmt-berüchtigt durch ein angebliches Verhältnis mit Pop(p)-Titan Dieter Bohlen, beendete eine eigentlich belanglose Zofferei mit ihrer Kollegin Linda Nobat mit einer rassistischen Beleidigung. RTL zog die Reißleine – und Youssefian aus dem Camp aus. Nobat dazu: „Das ist zum ersten Mal in meinem Leben, dass etwas so gerecht gemacht wird. Ich weiß gerade gar nicht, wie ich damit umgehen kann.“ Vielleicht das gesellschaftlich berührendste Geständnis des Dschungels, dass rassistische Erniedrigungen für eine BPoC-Frau nur dank RTL erstmals Konsequenzen haben.

Doch das RTL-Format bietet neben Antidiskriminierungstraining auch jede Menge feministisches oder auch antifeministisches Unterhaltungspotenzial, Gender-Wissenschaftler:innen finden hier reichlich Stoff. Linda begibt sich regelmäßig in eine Zeitkapsel, sagt Dinge wie „Es ist sehr wichtig für mich, dass mein Partner eine höhere Stabilität in unsere Beziehung einbringt, als ich es tue“, meint damit: Kohle muss ihr Macker haben, dann schmeißt sie ihm auch gern den Haushalt. Oder, wie sie sich ausdrückt: „Meinem Mann, wenn er von der Arbeit kommt, ein Bad einzulassen, ihn zu massieren, etwas Schönes zu kochen“, das mache sie gern. Nun ja, auch Wahlfreiheit ist ja feministisch. Dann behauptet Linda eben aber auch, dass Sex die „Pflicht der Frau“ sei. Hoppala, in welches Mittelalter-Format sind Zuschauerinnen und Zuschauer denn da plötzlich reingerutscht?

„Was ist denn das hier für ein Scheißdreck an Menschen?“

Rückendeckung bekommt sie aber von den anderen Mitcampern und -camperinnen, die ähnlich wie Linda fest an „das traditionelle Rollenbild“ glauben. Möchtegern-Modezar Harald Glööckler weiß beispielsweise, dass Mädchen gern „beschützt werden“ wollen und ja sowieso „komplizierter als Jungs“ seien. Auch Jasmin ist sich sicher: „Jungs müssen jagen“. Und Ösi-Teilnehmerin Tara geht es eh immer nur „um das leidige Thema“.

Damit spielt sie auf ihren Kollegen Filip an. Der gewann im vergangenen Jahr in Köln das Goldene Ticket, qualifizierte sich so für die Teilnahme am diesjährigen Dschungelcamp in Südafrika. Und hat es Tara schon nach wenigen Minuten schwer angetan. Sind es die tätowierten Muskelarme? Zwar beschwert sie sich einerseits stets über vergangene toxische Beziehungen, redet aber gleichzeitig mit allen, nur nicht mit ihrem Angebeteten über ihre Gefühle („Also von meiner Seite aus haben sich da schon Gefühle entwickelt.“) und wundert sich später, dass Filip – eh niemand mit einer kurzen Leitung – ihre codierten Botschaften nicht versteht. Warum streichelt er sie denn auch zwei ganze Tage nach dem Kennenlernen noch nicht? Sie sei „nicht verzweifelt“, es triggere sie eben nur, wenn „ein Mann, den ich mag, mich zurückweist“. Filip versteht sie und die verrückte Liebeswelt nicht mehr („Du tust gerade so, als ob wir schon drei Jahre in einer Beziehung wären.“), fragt am Ende aber doch: „Sind wir wieder gut?“.

Für La Renzi ist das alles aber eben doch nur eine billige „Schmierenkomödie“, sie fragt flüsternd: „Was ist denn das hier für ein Scheißdreck an Menschen?“ Nur, um später feststellen zu müssen: „Mich interessieren die Menschen da drin nicht, also privat.“ Gemeinsam mit Kumpel Harald glaubt sie zu wissen, dass nur sie beide zu den echten Stars im Camp gehören. Vergisst dabei aber immer wieder, dass am Ende alle im selben Camp sitzen. Oder wie sie sagt, in dieser „scheiß Show“. Denn auch das Publikum interessiert sich weniger für die Menschen, auch nicht privat, sondern vor allem für die von ihnen aufgeführte Schmierenkomödie. Die liefert La Renzi zum Glück genauso zuverlässig wie die unbekannte, dafür aber liebestolle Tara.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.