Bericht: NDR-Chefs handeln wie „Pressesprecher der Ministerien“

Freie Berichterstattung werde teilweise verhindert, kritische Informationen heruntergespielt. Neun Redakteure des NDR beklagen angeblich ein „Klima der Angst“.

Das NDR-Landesfunkhaus Schleswig-Holstein (Symbolbild). 
Das NDR-Landesfunkhaus Schleswig-Holstein (Symbolbild). dpa/Winfried Rothermel

Rollt da nach der RBB-Affäre um Ex-Intendantin Patricia Schlesinger der nächste Skandal auf die ARD zu? Einem Medienbericht zufolge beschwerten sich in den vergangenen zwei Jahren mehrere Redakteure des NDR darüber, dass ihre journalistische Arbeit zum Teil verändert und sogar verhindert worden sei. Insgesamt neun NDR-Mitarbeiter aus dem Rundfunkhaus in Kiel sollen sich mit Beschwerden an den Redaktionsausschuss des Senders gewandt haben, berichtet Business Insider unter Berufung auf vertrauliche Untersuchungsberichte. 

Die Vorwürfe gegen die Senderleitung wiegen schwer: Die „Berichterstattung werde teilweise verhindert und kritische Informationen heruntergespielt“, zitiert Business Insider einen Mitarbeiter in dem vertraulichen Bericht aus dem September 2021. „Autoren würden abgezogen und Beiträge in den Abnahmen massiv verändert.“ Einige Journalisten hätten demnach sogar behauptet, es gebe beim NDR in Kiel einen „politischen Filter“. Führungskräfte würden wie „Pressesprecher der Ministerien“ agieren, die kritischen Themen frühzeitig die Relevanz absprechen. 

Wie aus den Untersuchungsberichten hervorgehe, soll zum Beispiel die Politikchefin des NDR Kiel bei der Abnahme von Texttafeln des ehemaligen Innenministers von Schleswig-Holstein, Hans-Joachim Grote (CDU), einfach Zitate gelöscht haben. Das sei im Frühjahr 2020 gewesen, als Grote mit sofortiger Wirkung zurücktrat. Die Gründe dafür seien bis heute nicht wirklich klar. Laut Medienberichten habe es Anschuldigungen gegeben, er habe bei Ermittlungen gegen Polizisten Geheimnisverrat begangen. 

NDR-Reporter soll von Politikchefin zurückgepfiffen worden sein

Ein anderer NDR-Reporter, der später auf Grote angesetzt worden sei, um über die Ungereimtheiten des Rücktritts zu sprechen, sei dann von der Politikchefin und einem weiteren Kollegen zurückgepfiffen worden. Angeblich wollte Grote sich über Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) äußern, der zuvor mit Grote aneinander geraten war. „Es werde teilweise nicht vom Ministerpräsidenten Daniel Günther oder seinem Stellvertreter Heiner Garg, sondern von ,Daniel’ oder ,Heiner’ gesprochen“, zitiert Business Insider aus einem der Berichte.

Weiter heißt es, dass die Schilderungen der vielen Mitarbeiter sich ähneln würden. „Die Kolleginnen und Kollegen berichten uns von einem ‚Klima der Angst‘ und großem Druck. Es werde gezielt versucht herauszufinden, wer sich an den Redaktionsausschuss gewandt hat.“

Der NDR reagierte mit einer Stellungnahme auf die Enthüllungen: „Den Vorwurf, es gäbe einen ,politischen Filter’ im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein, weist der NDR zurück. Die Berichterstattung ist unvoreingenommen und unabhängig.“ Die „pauschale Beurteilung ‚Klima der Angst'“ habe sich aus Sicht der Verantwortlichen in Kiel nach persönlichen Gesprächen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht bestätigt. Die Chefredaktion wolle nun Einzelgespräche mit allen führen.