Stigmatisiert von der Community: So ist es, als Türkin eine Psychose zu haben

Frau Sözen berichtet von ihren psychotischen Schüben. Von der türkischen Community wünscht sie sich mehr Sensibilität.

Menschen mit Psychosen oder Schizophrenie werden häufig stigmatisiert. In der türkischen Community befasst man sich nur selten mit dem Thema.
Menschen mit Psychosen oder Schizophrenie werden häufig stigmatisiert. In der türkischen Community befasst man sich nur selten mit dem Thema.imago/Rolf Zöllner

B. Sözen breitet im Garten des Vivantes-Klinikums Am Urban eine Picknickdecke neben einem jungen Apfelbaum aus. „Ich erinnere mich daran, wie er gepflanzt wurde“, sagt sie, bevor wir uns setzen. Sözen deutet beim Gang durch die Klinik in verschiedene Richtungen, wie bei einer Führung. Sie hat hier viel Zeit verbracht. Rechts ist die Notaufnahme, 2013 sei sie dort eingeliefert worden, erzählt Sözen. Ihre Familie habe gemerkt, dass etwas nicht stimmt, sagt sie. Damals hatte Sözen ihren ersten psychotischen Schub. Sie glaubte, ihre Familie und Freunde hätten sich gegen sie verschworen.

Die reagierten anders auf die Diagnose, als Sözen es sich gewünscht hätte. Und auch vonseiten der Moschee hatte sie sich mehr Unterstützung erhofft, sagt sie. „Die türkische Gesellschaft ist nicht aufgeklärt.“ Mit diesen Worten wandte sich die Deutschtürkin an die Berliner Zeitung. Es gebe in ihrer Community Sensibilisierungsbedarf, was psychische Störungen angeht. Die 38-Jährige will ihre Geschichte erzählen, aber unerkannt, ohne Vornamen und Foto. „Ich bin froh, türkisch und muslimisch zu sein“, sagt sie. Es gehe ihr nicht darum, diese Gruppe zu schmähen. Indem sie öffentlich über ihre Psychose spricht, will sie gegen die Tabuisierung ankämpfen.

Sözen trägt eine bunte Hose und Schlappen mit Leopardenmuster. Ihre dunklen Haare trägt sie im Pferdeschwanz, es ist schwül an diesem Donnerstagvormittag. Die gebürtige Kreuzbergerin habe früher auf der „Halb-Ghettoschule“ viel geschwänzt, erzählt sie. Später hat sie das Abi nachgeholt, im dritten Semester musste die damals 29-Jährige ihr BWL-Studium wegen einer Psychose abbrechen. Ihre engsten Bezugspersonen verhielten sich in ihren Augen plötzlich seltsam.

Menschen mit Psychosen oder Schizophrenie werden in Deutschland insgesamt als gefährlich oder unheilbar stigmatisiert, sagt Andreas Bechdolf, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes-Klinikum Am Urban und in Friedrichshain. Doch sie könnten ganz überwiegend ein selbstständiges Leben führen und weit über 90 Prozent der Gewalttaten würden von gesunden Personen begangen, sagt der Arzt. Bechdolfs Patientinnen und Patienten berichten von Erfahrungen, die sich überschneiden: „Es ist immer unterschiedlich, aber allgemein kann man schon sagen, dass in der türkischen oder arabischen Community das Bild von psychischen Erkrankungen besonders negativ ist und eine stärkere Stigmatisierung stattfindet“, sagt er.

Angehörige versuchen zudem länger, die Probleme innerhalb der Familie zu lösen. Bechdolf spricht von einem „Teufelskreis“, in dem sich Menschen mit Migrationshintergrund im Hinblick auf das Gesundheitssystem befinden: Die Zugänglichkeit sei erschwert und sie machten schlechte Erfahrungen. Das Vivantes-Klinikum Am Urban versucht diesem Effekt mit mehrsprachigem Personal entgegenzuwirken und die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeitenden zu schulen.

„Hier habe ich überall schon gesessen“, sagt Sözen bei einem Rundgang durch die kleine Parkanlage hinter dem grauen Doppelblock des Krankenhauses. Immer wieder hat Sözen sich in den letzten neun Jahren selbst eingewiesen. Schon bei kleineren Anzeichen bekam sie Angst vor einem erneuten psychotischen Schub. Der kam dann auch 2019, die Schübe widerholten sich seitdem fast monatlich, sagt sie. Nun sei sie seit drei Monaten symptomfrei. Sözen vermutet, dass ihre Erkrankung genetisch bedingt ist.

Es geht um das Ansehen der Angehörigen

Im Garten des Klinikums duftet es nach Blumen und Kräutern, die die Patienten bei der Gartentherapie gepflanzt haben. In Kreuzberg sei es überall laut, deshalb hat Sözen diesen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen. Ein Mann mit rosafarbenem Shirt schlendert vorbei, er trägt Kopfhörer. „Hier drin kann man sich gut erholen, draußen ist es etwas anderes“, sagt Sözen.

Ihre Eltern haben erwartet, dass sie „innerhalb der Schübe“ wieder selbstständig wird. Der Bruder habe sich dagegen zu große Sorgen gemacht und Ängste entwickelt. Sözen verzieht das Gesicht, um darzustellen, wie eine Freundin in Tränen ausbrach, als sie von der Psychose erfuhr. Eine andere enge Freundin habe Panikattacken bekommen. „Dabei ist es halb so schlimm“, sagt Sözen und zündet sich die dritte Zigarette an. Nur während der Schübe, ja, da sei es „nicht so schön“.

Die Reaktionen waren für sie damals eine zusätzliche Belastung. Heute zuckt Sözen mit den Schultern: „Warum soll es euch besser gehen als mir?“ Es gehe um Ansehen, sagt sie. Die türkische Community sei so eng vernetzt, dass das Ansehen sinke, sobald ein Familienmitglied oder ein Freund krank wird. „Deutsche, die trinken ein Käffchen mit dem Nachbarn“, sagt sie. „Aber wir sind immer zusammen.“ Ihrem Ex-Verlobten hat sie von ihrer Diagnose nichts erzählt. Er wusste nur, dass sie depressiv war. Das war sie auch, nach den Schüben, erklärt Sözen.

Özgür Cengiz, ein Berliner Psychotherapeut mit türkischen Wurzeln teilt Sözens Erfahrung nicht. Die Menschen, die zu ihm kämen, verheimlichten ihre Diagnose selten. Genau wie in der Gesamtgesellschaft gebe es innerhalb der türkischen Community Stigmatisierung, aber nicht vermehrt, betont Cengiz. Der Psychotherapeut hat in den letzten zehn Jahren vielmehr ein wachsendes Interesse und Neugier für psychische Krankheiten beobachtet, auch im eigenen Umfeld.

Die Psychose habe sich bei ihr durch verstärkte Euphorie, aber auch stärkere negative Gefühle geäußert, erzählt Sözen. Sie sei dankbar, dass sie keine Stimmen gehört oder Wesen gesehen hat. Aber die Wahrnehmung war verändert, intensiver, „wie in 3D“, sagt sie. Auch Diskriminierungserfahrungen waren während der Schübe noch negativer. Bei ihr mündeten diese Erfahrungen in Größenwahn: „Ich hab gedacht, ich kann den Rassismus beenden. Weltweit“, Sözen lacht laut auf. An eine Strategie kann sie sich nicht erinnern.

Wer hilft muslimischen Patienten aus dem Höllenfeuer?

Geholfen haben ihr Medikamente. Medikamente, durch die sie zugenommen hat. Mindestens tausendmal, „ohne Witz“ tausendmal, wurde sie gefragt: „Bist du schwanger?“, Sözens Stimme überschlägt sich, als sie die Frage wiederholt. Das erste Mal in diesem Gespräch verliert sie die Fassung, statt ruhig zu berichten. Früher, da habe sie wegen der Psychose extrem auf Auf- und Abwertung von außen reagiert, sagt Sözen. Die „Beziehungserlebnisse“ seien anders. Die therapeutische Arbeit half ihr dabei, vor etwa zwei Jahren zu verinnerlichen, dass es darauf ankommt, wie sie selbst die Dinge bewertet, sagt sie.

Auf den ersten Blick wirkt Sözen nicht wie ein Mensch, der sich leicht von außen beeinflussen lässt und besonders sensibel auf Ablehnung und Anerkennung reagiert. Ihre Stimme ist fest, was sie sagt, klingt reflektiert und selbstbestimmt. Doch ihre Blicke wandern nervös aufs Papier, sobald der Kugelschreiber darüber fährt, und sie zuckt regelrecht zusammen, wenn man kurz aufs Handy, statt in ihre hellbraunen Augen schaut.

Sie selbst habe eine muslimische Erziehung genossen, die sich auf „schöne Koranverse“ bezog. Unter anderem in einer muslimischen Grundschule, die damals Kinder aus Familien mit unterschiedlichster Herkunft besuchten. Sözen reißt die Augen auf und deutet auf das Krankenhaus: „Die denken, sie brennen in der Hölle“, sagt sie. Muslimischen Menschen mit Psychose müsste ein Imam diese Ängste nehmen, statt ihnen beizubringen, was er gesunden Menschen beibringt, sagt Sözen. Beratende Imame gebe es im Urbanklinikum nicht, die Lehre der Seelsorge sei in Moscheen ihres Wissens nach nicht üblich. Seelsorge würde unter Muslimen vielmehr im sozialen Leben betrieben – um solche Gedanken abzuwenden, brauche man aber eine geistliche Autorität, meint Sözen.

Im Vivantes-Klinikum Am Urban gibt es christliche, aber keine muslimischen Seelsorger, bestätigt Bechdolf. „Das ist ein guter Punkt“, sagt er. Auch Psychotherapeut Cengiz ist eine muslimische Seelsorge nicht bekannt.

„Die Hölle ist Teil unseres Glaubens“, sagt Birol Ucan, Sprecher des Islamischen Vereins für Wohltätige Projekte und der Omar-Ibn-Al-Khattab-Moschee am Görlitzer Bahnhof. Vor dem Höllenfeuer retten könnten sich Muslime durch gute Taten, so Ucan. Im muslimischen Glauben sei es üblich, immer ein offenes Ohr zu haben, und Fragen können Gläubige natürlich auch an den Imam richten. Bei psychischen Erkrankungen sei aber ein Verweis an Ärzte ab einem gewissen Punkt sinnvoll.

Zukünftig will Sözen migrantische Menschen mit psychischer Beeinträchtigung unterstützen. Sie hat mit Unterbrechungen im Bildungsbereich gearbeitet. Momentan arbeitet sie mit einem Kollegen an der Entwicklung eines Coachings, das als Maßnahme vom Jobcenter eingesetzt würde. Nicht nur migrantische Menschen mit Psychosen, sondern auch anderen Symptomen und psychischen Krankheiten könnten daran teilhaben.