In Berlin fotografiert er Hochzeiten, in Mexiko die Spuren der Gewalt

Der Fotograf Michael Willöfer hatte das Gefühl, in seiner Heimat Berlin alles gesehen zu haben. Nun lebt er zwei Leben – eins hier, eins in Mexiko-Stadt.

Fotografien von Michael Willöfer.
Fotografien von Michael Willöfer.Nin Solis

Viele Menschen kommen nach Berlin, weil man hier die verrücktesten Dinge erleben kann, aber wenn man hier geboren und aufgewachsen ist, kann es passieren, dass das Großstadtfieber irgendwann vergeht. „Nach einer Zeit bekommt man das Gefühl, dass man schon alles gesehen hat“, sagt Michael Willöfer, er ist 44 Jahre alt und seit fünf Jahren nur noch Teilzeit-Berliner. Nur noch im Sommer. Im Winter lebt er in Mexiko-Stadt.

Es klingt nach einem typischen Fall von Kälteflüchtling, nach einem, der das ganze Jahr über in der Sonne leben will. Aber Willöfer sagt, dass es ihm um die Fotografie geht. Auch sein Arbeitsjahr ist zweigeteilt. Im Sommer fotografiert er Hochzeiten in und um Berlin. Und organisiert Ausstellungen der Bilder, die er im Winter in Mexiko macht. Dort arbeitet er an einem Langzeitprojekt, das kaum ein größerer Gegensatz zu seinem Job in Deutschland sein könnte. Willöfer erforscht die Spuren der Gewalt im Land fotografisch.

Seine letzte Ausstellung, „Narvarte“, war im August in der Galerie erstererster in Prenzlauer Berg zu sehen. Fotos zeigten Fischer oder Bauern bei der Arbeit, einen Mann, der Pferde zähmt, Landschaften, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Ein Foto stach besonders ins Auge. Es zeigte ein Kind unter Wasser, es schien ertrunken zu sein. Besucher fragten, ob es tot sei. Nein, sagt Willöfer, der Junge habe mit seinem Großvater im Fluss nach Muscheln gesucht.

Fotografien von Michael Willöfer.
Fotografien von Michael Willöfer.Michael Willöfer

Im Dialog mit den Besuchern erklärt er den Subtext der Bilder. Die ständige Gefahr, in der die Menschen in Mexiko leben, den anhaltenden Drogenkrieg. „Na ja, wenn das so gefährlich ist, wollen wir da nicht hin“, sagen die Besucher, die ihn nach dem Kind unter Wasser gefragt haben.

Würde ich für meine Arbeit getötet werden?

Was will Michael Willöffer dann selbst in diesem Land? Er studierte Architektur in Berlin, aber nach einem Austauschsemester in Mexiko-Stadt wollte er nicht mehr zurück nach Deutschland. Dort habe er auch gemerkt, dass seine wahre Leidenschaft die Fotografie ist, sagt er. Das habe sein Leben für immer verändert. Er studierte noch einmal, Bildende Kunst an der größten öffentlichen Universität in Mexiko, der UNAM. Eigentlich wollte er sich nicht mit der Gewalt im Land befassen. Die sei doch der bekannteste Fakt über das Land inzwischen. Und in der Hauptstadt, die als relativ sicher galt, lebte er ohne große Sorgen vor dem Drogenkrieg.

Doch die Gewalt kam zu ihm. „Eines Tages erreichte mich die Nachricht von der Ermordung des Fotojournalisten Rubén Espinosa, ich war schockiert, denn es geschah ganz in der Nähe meines Wohnorts, im Viertel Narvarte“, erzählt er. Seit dem Jahr 2000 wurden in Mexiko 156 Journalisten getötet, 15 allein in diesem Jahr. Es ist eines der gefährlichsten Länder der Welt, um als Journalist zu arbeiten. Espinosa war aus dem Bundesstaat Veracruz geflohen, nachdem er wiederholt Morddrohungen erhalten hatte. Er kam nach Mexiko-Stadt, weil er dachte, er sei dort sicher. Ein Irrtum.

Der Fall erregte im ganzen Land Aufsehen. Vier Frauen wurden mit Espinosa getötet: Nadia Vera, eine Aktivistin, die ebenfalls wegen Morddrohungen aus Veracruz geflohen war, die beiden Mitbewohnerinnen von Espinosa und die Putzfrau der WG. Der brutale, vielfache Mord in einem ganz normalen Wohnviertel der mexikanischen Hauptstadt erschütterte das Land am 31. Juli 2015.

Fotografien von Michael Willöfer.
Fotografien von Michael Willöfer.Michael Willöfer

Die Behörden von Mexiko-Stadt haben den Fall bis heute, sieben Jahre später, nicht aufgeklärt. Mit seiner Arbeit hatte Espinosa in den wichtigsten nationalen Zeitungen auf die Gewalt im Bundesstaat Veracruz aufmerksam gemacht – und auf die Verwicklung der Polizei in das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen in diesem Bundesstaat.

„Ich habe wieder wahrgenommen, was in Mexiko passiert und was auch in der Hauptstadt passiert könnte“, sagt Michael Willöfer über das Jahr 2015. Er sei „irgendwie aufgewacht“ und habe gemerkt:„ Okay, ich bin selbst Fotograf, was würde mir passieren, wenn ich durch das Land reise und Fotos mache, könnte ich auch getötet werden?“

Er beschloss, loszufahren, aus Narvarte, seinem Stadtviertel. Er wollte den Menschen begegnen, die normalerweise nicht in die Medien kommen. Er reise langsam, um Zeit mit den Menschen zu verbringen, sie kennenzulernen. Dabei habe er verstanden, wie stark die gesellschaftlichen Gegensätze in Mexiko sind, wie verletzlich Menschen mit geringem Einkommen. „Egal, wen ich getroffen habe, immer wieder gab es Anknüpfungspunkte an die Gewalt.“

Kein Geheimnis, wo die Drogendealer leben

Der Mann, der die Pferde zähmt, heißt Don Justino. Er warnte Willöfer davor, seine Freundin mitzubringen, weil es im Nachbardorf Leute gebe, die Drogen verkaufen und auch in Entführungen verwickelt sind, sodass sie in Gefahr sein könnte. In einem anderen Ort hörte der Fotograf die Geschichte eines ehemaligen Bodyguards der Bürgermeisterin, der früher mordete und Leute verschwinden ließ, heute aber ein ruhiges Leben führt.

Fotografien von Michael Willöfer.
Fotografien von Michael Willöfer.Michael Willöfer

In den Dörfern Mexikos sei kein Geheimnis, wer die Drogendealer sind, wo sie leben und welche Wege sie benutzen. „Obwohl die Menschen inmitten von Gewalt leben, bewahren sie sich eine positive Ausstrahlung. Es sind Menschen, die mich sehr inspirieren, man kann viel von ihnen lernen.“

Willöfer erzählt die Geschichte des Fischers auf seinen Bildern. Der Mann ist 70 Jahre alt und muss jeden Tag von frühmorgens an fischen. Trotz seines Alters hat er eine beneidenswerte Kraft und Gesundheit. Rente bekommt er nicht. Er hat zehn Kinder, eines von ihnen ist Arzt geworden, ein anderes ist wie er Fischer. „Er hat versucht, seine Kinder vor dieser Spirale der Gewalt zu schützen. Ich möchte auch darüber berichten“, sagt Willöfer.

Michael Willöfer mit seiner Kamera.
Michael Willöfer mit seiner Kamera.Michael Willöfer

Er wisse, dass die Gewalt ihm näherkommen könne, sagt er. Schließlich sei Gewalt etwas, mit dem die Menschen in Mexiko täglich leben müssen. Er möge das Land genauso sehr wie vor seinen Recherchereisen, aber er verstehe es besser. Im Winter will er wieder in seine zweite Heimat ziehen, das Projekt beenden.

Er hoffe auch, dass er andere Berliner inspirieren könne: Aus der Stadt auszubrechen, sie hinter sich zu lassen, für einen Moment den Blick auf das zu richten, was anderswo passiert. Vielleicht auch nur in der deutschen Provinz. Man müsse nicht so weit reisen, wie er, aber es lohne sich, sich auf eine Reise zu begeben.