Gasag-Chef: Händewaschen am besten verkürzen

Mit zwei Pullovern und etwas Treppensteigen könne man gut über den Winter kommen, sagt Georg Friedrichs. Ein Gespräch über die Folgen der Gaskrise für Berlin.

Gasag-Chef Georg Friedrich im Interview mit der Berliner Zeitung.
Gasag-Chef Georg Friedrich im Interview mit der Berliner Zeitung.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Georg Friedrichs leitet einen der größten regionalen Gasversorger Europas: die Gasag in Berlin. Das Unternehmen versorgt über 700.000 Haushalts- und Gewerbekunden mit Erdgas und Bio-Erdgas, aber auch mit Ökostrom. Wir haben Friedrichs gefragt, ob Strom Gas ersetzen kann, womit die Berliner Haushalte im schlimmsten Fall rechnen müssen und was er von dem Start der Nord Stream 2 als einer Lösung hält.

Herr Friedrichs, die Bundesregierung befürchtet einen kompletten russischen Gasstopp auch nach der Wartung an Nord Stream 1 zwischen dem 11. und 21. Juli. Bereiten Sie sich darauf vor?

Wir wissen inzwischen, dass wir mit allem rechnen müssen. Daher ist es wichtig, dass wir sparsam mit Energie umgehen und die Gasspeicher in Deutschland zügig befüllt werden, um gut über den Winter zu kommen. Die Bundesregierung und die Branche bereiten sich dabei auch darauf vor, dass künftig die Gasströme aus Russland komplett ausbleiben.

Wie ist die Lage auf dem Energiemarkt? Der größte Gasimporteur Uniper hat milliardenschwere Staatshilfen beantragt. Ist es nur noch Nervosität oder schon Panik?

Wir haben in Deutschland nicht nur eine Gas-, sondern eine Energiekrise. Denn nicht nur die Gaspreise sind extrem gestiegen, sondern auch die Preise für Kohle und Öl. Allerdings hängt unser komplettes Energiesystem stark am Gas. Das gilt neben dem Wärmemarkt auch für den Strommarkt. Denn Strom wird in Deutschland zum großen Teil aus Gas produziert. Die Bundesregierung hat diese Krise früh erkannt und agiert umsichtig. Deshalb haben wir noch keinen Grund zur Panik – sehr ernst ist die Lage aber schon. Noch haben wir keine Versorgungskrise, sondern erst einmal weniger russisches Gas. Bleibt es aber bei der reduzierten Versorgung, wird es wirklich schwierig.

Die Gasag kauft Gas bei rund 20 Handelspartnern ein, darunter bei Uniper. Wissen Sie, woher dieses Gas kommt? Wie abhängig ist Berlin von russischem Gas?

Der Gasmarkt innerhalb Deutschlands ist liberalisiert und findet zum Teil über die Börse statt. Wir wissen also nicht, woher das Gas kommt, das wir auf dem Markt kaufen, im Zweifel ist es der deutsche Gas-Mix. Es geht aktuell auch nicht um die Abhängigkeit einzelner Akteure oder einzelner Regionen in Deutschland von russischem Gas, das deutsche Energiesystem insgesamt ist davon abhängig. Berlin ist nicht abhängiger als andere Regionen oder Städte Deutschlands.

Der Chef der Bundesnetzagentur Klaus Müller (Grüne) redet nur von einer Gaskrise. Man habe keine Stromlücke, hat er im Rahmen der Atomkraft-Debatte gesagt, man müsse Gas beschaffen. Ist Strom also eine Alternative?

Über die ziemlich politische Frage, ob wir die Kernenergie länger nutzen, entscheidet nicht die Gasag. Aber natürlich ist die Frage, wie viel Gas wir zur Verfügung haben, auch für die Preisentwicklung auf dem Strommarkt relevant. Deutschland produziert Strom eben aus Gas. Es gibt keine voneinander getrennten Gas- oder Strommärkte.

Also kann man nicht einfach mit Strom heizen? Gas gibt uns Wärme und Strom? Also doch keine Heizkörper besorgen, die man in die Steckdose steckt?

Wenn Sie in die deutschen Baumärkte gehen, werden Sie genau das sehen. Das könnte allerdings das Stromnetz überfordern. Aber ich glaube, wir müssen uns keine Sorgen über die Berliner Wohnungen machen. Die werden vielleicht ein bisschen weniger warm sein, aber wir werden sie im Winter schon warm kriegen. Das Land insgesamt muss sich Sorgen darüber machen, dass wir nicht genug Energie für unser Wirtschaftssystem haben. Der Gesamtenergieverbrauch Deutschlands und damit unser Wirtschaftssystem hängt von ausreichenden Gasflüssen ab. Und natürlich auch von Kohle und Öl.

Gasag-Chef Georg Friedrichs
Gasag-Chef Georg FriedrichsBerliner Zeitung/Markus Wächter

Die Industrie in Berlin und Brandenburg wird also im Fall eines Gasstopps durch Russland leiden?

Berlin ist nicht so industriell geprägt wie andere Regionen. Aber ja, auch das Gewerbe und die Industrie in Berlin machen sich zu Recht Sorgen, ob sie im kommenden Winter genug Energie zur Verfügung haben.

Beschwichtigen Sie die Betriebe, indem Sie sagen: Wir haben noch genug Gas?

Wir sagen ihnen, bereitet Euch vor, denn wir sind uns nicht sicher, wie viel Gas in Deutschland zur Verfügung stehen wird. Es gibt einen gesetzlichen Notfallplan, nach dem zuerst sogenannte geschützte Kunden beliefert werden. Dazu gehören Haushalte, Krankenhäuser, Schulen und wichtige Infrastrukturen. Erst danach wird Gas für Gewerbe und Industrie zur Verfügung gestellt. Wer wie viel Gas bekommt, wird dann die Bundesnetzagentur entscheiden, und mit den regionalen Netzbetreibern umsetzen.

Welchen Anteil am Gasverbrauch in Berlin hat die Industrie und welchen die Haushalte?

Ein überwiegender Teil unserer Kunden in Berlin und Brandenburg sind Privatkunden, aber auf Berlin allein kommt es nicht an. In ganz Deutschland liegt der Anteil der Haushalte, die vorrangig beliefert werden, bei rund 40 Prozent.

In Berliner Haushalten wird vor allem mit Gas und Fernwärme, die letztendlich auch mit Gas produziert wird, geheizt. Wie sieht das Verhältnis da aus?

Durch das Gasnetz direkt werden rund 45 Prozent der Berliner Haushalte versorgt und auf die drei Fernwärme-Unternehmen – Vattenfall, BTB und das Fernheizwerk Neukölln – entfällt ein weiteres Drittel der Versorgung. Aber auch die setzen für die Energieerzeugung zu 70 Prozent auf Gas. Heute ist Gas in Berlin der mit Abstand wichtigste Wärmelieferant. Wir betreiben aber auch schon Nahwärmenetze über dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die zunehmend mit mehr erneuerbaren Energien und perspektivisch mit grünem Wasserstoff Wärme und Strom produzieren. Auf dem EUREF-Campus – unserem neuen Unternehmensstandort – setzen wir beispielsweise Biogas für eine klimaneutrale und ressourcenschonende Versorgung ein. Solche Anlagen sind die Zukunft.

Normale Mieter in einem Mehrfamilienhaus können jetzt aber nicht so leicht auf Gas und Fernwärme verzichten, weil ihre Heizanlagen nicht auf erneuerbare Energien ausgelegt sind. Die Zukunft gilt also nur für neue Häuser?

Diese Aufgabe gilt für alle. Wenn wir im Jahr 2040 klimaneutral sein wollen, dann müssen wir auch den Bestand in die Klimaneutralität bringen. Einzelne Mieter haben hier leider wenig Einfluss. Die Häuser anzupassen ist also eine Herkulesaufgabe für die Wohnungsbaugesellschaften und Immobilieneigentümer. Aber jeder von uns kann schon jetzt damit beginnen, Energie zu sparen.

Mit wassersparenden Duschköpfen?

Das wäre ein guter Start.

Und wie viel Energie kann man mit einem richtigen Duschkopf sparen? Nicht alle lassen sich von diesem Vorschlag von Wirtschaftsminister Habeck überzeugen.

Es geht eher darum, kürzer zu duschen, denn fast 20 Prozent des Wärmeaufkommens werden für Warmwasser benötigt, daher das Duschen, Spülen, Händewaschen am besten verkürzen. Es geht nicht ums Frieren. Und das Sparprinzip gilt auch für die private Mobilität. „Fahrrad raus“ ist das Motto. Oder wir müssen uns überlegen, wo und wie wir Urlaub machen.

Und was für eine Temperatur empfehlen Sie für die Wohnung im Herbst? 18 Grad?

Die große Bitte an unsere Kunden in Berlin und Brandenburg ist, dass so weitgehend zu machen, wie es eben geht. Die Wohlfühltemperaturen werden aber sehr unterschiedlich sein. Ein älterer oder kranker Mensch braucht vielleicht zwei Grad mehr in der Wohnung als jemand, der jung und durchtrainiert ist und mit zwei Pullovern und ein bisschen Treppensteigen gut über den Winter kommt. Aber sinnvollerweise sollten wir alle unsere Temperaturen herunterregeln und schauen, wo unsere Schmerzgrenze liegt. Schon ein Grad Raumtemperatur weniger spart bis zu sieben Prozent am Energieverbrauch. Die einzige Bitte, die wir haben: Bitte unbedingt sofort starten, nicht auf den Winter warten – und es unbedingt ernst nehmen.

Ein ganz anderes Thema: Der ehemalige Linke-Politiker Oskar Lafontaine schlägt vor, die Gas-Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb zu nehmen – und hat überraschend viele Unterstützer, auch unter unseren Lesern.

Interessante Debatte. Eines bleibt klar: Wenn Russland will, kann es genügend Gas über die bestehenden Pipelines liefern. Also, ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass jemand kurzfristig Nord Stream 2 in Betrieb nimmt. Aber auch das entscheidet nicht die Gasag. Grundsätzlich gilt: Wir wollen uns von russischem Erdgas unabhängig machen. Wir müssen in naher Zukunft sowieso ganz von fossilem Erdgas wegkommen, um unsere klimapolitischen Ziele zu erreichen.

Laut dem aktuellen Eurobarometer sind 58 Prozent der Europäer tendenziell nicht bereit, Preissteigerungen als Folge der Russland-Sanktionen zu akzeptieren. Gasag hat die Gaspreise bisher im Januar um 16 und im Mai um 26 Prozent erhöht – insgesamt um 42 Prozent. Wie geht die Gasag weiter mit den steigenden Preisen um?

Wir haben im Frühjahr gesagt, dass wir die Preise voraussichtlich bis zum Jahresende nicht weiter anpassen müssen. Das hat damit zu tun, dass wir für das Jahr 2022 im Wesentlichen die Gasmengen schon beschafft haben. Das klappt hoffentlich auch. Es könnte sich aber ändern, wenn wir in eine noch schwierigere Versorgungslage kommen. Erst seit wenigen Wochen sind im sogenannten Energiesicherungsgesetz Mechanismen geregelt, die greifen können, wenn wir wirklich in einer Gasmangellage sind. Gerade in diesen Tagen werden auf Bundesebene noch Nachbesserungen vorgenommen. Das sind alles scharfe Schwerter, von denen wir alle hoffen, dass sie nicht genutzt werden. Denn dann würden die gestiegenen Preise für die Importeure auf den Großhandelsmärkten über die Lieferkette direkt an alle Kundinnen und Kunden weitergegeben. Und was dann passiert, können wir nur schwer vorhersagen. Daher können wir leider auch keine weiteren Preissteigerungen ausschließen. Und das gilt übrigens nicht nur für Gas, sondern auch für Strom. Die Strompreise auf den Handelsmärkten haben sich in den letzten zwölf Monaten verfünffacht. Diese Nachricht kann ich Ihren Lesern nicht ersparen.

Teilen Sie also diese Einschätzung, dass die Nachzahlung für Gas und Warmwasser für eine Familie aus drei Personen für dieses Jahr bei 2000 Euro liegen wird?

Diese Rechnung kenne ich nicht, das wird in jedem Haushalt anders sein. Aber hoch können solche Nachzahlungen schon sein. Bei der Gasag haben wir die bisherigen Preiserhöhungen bereits in den Abschlägen der Kundinnen und Kunden berücksichtigt. Es empfiehlt sich außerdem für jeden und jede, sich darauf einzustellen, dass die Preise noch weiter steigen werden und eine gewisse Rücklage notwendig ist. Aber der beste Weg, die steigenden Energiekosten im Griff zu halten, ist und bleibt Energiesparen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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