Erschossen in Moskau: Fritz Storch verschwand 1951 spurlos aus Treptow

In Berlin erinnert erstmals eine Plakette des russischen Projekts „Die letzte Adresse“ an ein Opfer stalinistischen Terrors.

Elvira Jaeger (l.) und ihre Tochter Jutta Jaeger bringen gemeinsam die Gedenktafel für Fritz Storch, den Vater und Großvater, an der Hausfassade an.
Elvira Jaeger (l.) und ihre Tochter Jutta Jaeger bringen gemeinsam die Gedenktafel für Fritz Storch, den Vater und Großvater, an der Hausfassade an.Gerd Engelsmann

Der 27. Januar 1951 ist ein Sonnabend. Die Berliner Zeitung berichtet auf Seite eins über den Volkswirtschaftsplan, der im Vorjahr erfüllt worden sei. Auf der zweiten Seite erscheint unter der Schlagzeile „Flade und seine Hintermänner“ ein zustimmender Kommentar zum Todesurteil gegen den 18-jährigen Schüler Hermann Flade, der in seiner sächsischen Heimatstadt DDR-kritische Flugblätter verteilt und mit einem Messer einen Polizisten verletzt hatte. An diesem Tag klingelt es früh an der Wohnungstür der im dritten Geschoss gelegenen Wohnung von Fritz Storch, seiner Frau Gerda und den beiden 20 Jahre alten Zwillingstöchtern Brigitte und Elvira.

Die Wohnung in der Treptower Mengerzeile 8 haben Gerda und Fritz Storch 1930 bezogen, zwei Jahre nach ihrer Hochzeit und nur wenige Wochen nach der Geburt der Zwillinge. Zwei Zimmer gibt es, ein Bad, eine Küche und einen Keller. Auch einen Teil des Dachbodens darf die Familie laut Mietvertrag nutzen.

Fritz Storch hat Kaufmann gelernt. Im Krieg war er als Sachbearbeiter beim Chef des Distrikts Lublin für die Reisekosten zuständig und Mitglied der NSDAP. Nach der Rückkehr nach Berlin arbeitete er als Buchhalter. 1947 trat er in die SED ein.

Seit einem Jahr ist Storch kaufmännischer Direktor im Werk für Fernmelde- und Signalbau in Oberschöneweide. Seine Tochter Brigitte studiert Kunstgeschichte, bringt regelmäßig die in West-Berlin erscheinenden Zeitungen „Die Deutsche Rundschau“ und „Der Monat“ mit nach Hause. Ihre Schwester Elvira macht eine kaufmännische Ausbildung.

Vor der Wohnungstür der vierköpfigen Familie stehen Männer des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Sie durchsuchen die Zimmer und verhaften schließlich den 51 Jahre alten Familienvater. Wegen des Besitzes westdeutscher Zeitungen und weil er sich angeblich abfällig über das SED-Regime geäußert haben soll. Zudem wird ihm vorgeworfen, Kontakt zu einem ehemaligen SS-Offizier unterhalten zu haben.

Als Fritz Storch abgeführt wird, ist es das letzte Mal, dass Gerda Storch ihren Mann, dass die Kinder Elvira und Brigitte ihren Vater sehen. Gerda Storch versucht alles, um etwas über ihn zu erfahren. Sie geht zur Polizei, sie fragt auch in den Gefängnissen nach. Die Ungewissheit treibt sie um. Eine Antwort auf die Frage, wo ihr Fritz geblieben sei, erhält sie nicht. Der lebenslustige Familienmensch, der so gerne Klavier spielte, bleibt verschwunden. Für immer.

Mehr als 71 Jahre später steht eine alte Dame mit schlohweißem Haar vor dem fünfgeschossigen Haus in der Mengerzeile. Über ihr helles Kleid mit den schwarzen Punkten hat sie eine dunkle Strickjacke gezogen. Sie stützt sich auf ihren Rollator, schaut an der Fassade empor, als müsse sie sich zu einer Erinnerung zwingen.

„Die letzte Adresse“ von Fritz Storch befindet sich in der Mengerzeile 8 in Treptow.
„Die letzte Adresse“ von Fritz Storch befindet sich in der Mengerzeile 8 in Treptow.Gerd Engelsmann

Es ist Freitagnachmittag. Elvira Jaeger lächelt ein wenig unsicher, als ihr Blick über die vielen Menschen schweift, die um sie herumstehen. Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, ist gekommen, ebenso Tom Sello, der Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie haben Blumen dabei.

Elvira Jaeger ist die Tochter von Fritz Storch, sie ist mittlerweile 91 Jahre alt. An ihren Vater und seine Verhaftung kann sie sich aufgrund einer Demenzerkrankung kaum erinnern. Doch sie spürt, dass dieser Tag wichtig ist. Für sie, für ihre Kinder und ihre Enkel, die hinter ihr stehen.

Auf dem Sitz ihres Rollators liegt ein Strauß roter Rosen, der noch in gelbes Papier eingewickelt ist. Die Blumen sind für ihren Vater, für den sie gerade mit einem Akkuschrauber eine Gedenktafel an der Fassade des Hauses befestigt hat. Ihre Tochter Jutta, die 68 Jahre alt ist, hat ihr dabei die Hand geführt.

Auf der 11 mal 19 Zentimeter großen Tafel aus verzinktem Stahl, angebracht in Augenhöhe, steht in Versalien: „Hier lebte Fritz Storch, Prokurist, geboren 1899, verhaftet 27.01.1951, zum Tode verurteilt 25.04.1951, in Moskau erschossen 04.07.1951, rehabilitiert 1999“.

241 Berlinerinnen und Berliner wurden in Moskau hingerichtet

Dort, wo sich auf der Stahlplatte ein Bild von Fritz Storch befinden könnte, ist ein quadratisches Loch, durch das die braunen Steine der Fassade zu sehen sind. Die Aussparung ist ein Symbol: Hier fehlt ein Mensch, ein Ehemann, ein Vater, ein Großvater.

Es ist die erste Gedenktafel, die die Stiftung „Die letzte Adresse“ in Berlin angebracht hat. 1500 solcher Plaketten hängen mittlerweile an Häusern in Russland, der Ukraine, Georgien, Moldawien und Tschechien, sagt der russische Journalist Sergej Parchomenko. Nun gebe es auch in Deutschland insgesamt vier solcher Tafeln.

Parchomenko, der eigens wegen der Gedenkveranstaltung für Fritz Storch angereist ist, hat das Projekt „Die letzte Adresse“ für die unschuldigen Opfer des Stalinismus vor neun Jahren zusammen mit der mittlerweile in Russland verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial International ins Leben gerufen. Die Tafeln erinnern an Menschen, die zwischen 1918 und 1991 verschwanden, oft wegen frei erfundener Vorwürfe verurteilt und hingerichtet wurden oder im Gulag starben.

Elvira Jaeger (M.) mit ihren Töchtern Jutta (2.v.l.) und Susanne (r.) und ihren Enkelkindern.
Elvira Jaeger (M.) mit ihren Töchtern Jutta (2.v.l.) und Susanne (r.) und ihren Enkelkindern.Gerd Engelsmann

Das Projekt ist angelehnt an die Stolpersteine, die an den letzten Wohnadressen von unter dem Naziregime ermordeten Juden erinnern sollen. „Beide Aktionen gedenken der Opfer totalitärer Regime, ohne die Verbrechen der Nazis zu relativieren oder die stalinistischen Verbrechen zu bagatellisieren“, erklärt die Historikerin Anke Giesen, Vorstandsmitglied von Memorial Deutschland.

Erstmals wurde eine solche Plakette im August 2019 an einem Wohnhaus in Deutschland angebracht, in der thüringischen Stadt Treffurt, an der letzten Wohnanschrift des jungen Installateurs Heinz Baumbach, der dort als Mitglied einer Widerstandsgruppe von Meuselwitzer Schülern verhaftet, zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet wurde.

Anstoß dafür, das Projekt „Die letzte Adresse“ auch in Deutschland zu etablieren, war das 2005 erschienene Buch „Erschossen in Moskau“, das über das Schicksal von 943 Deutschen berichtet, darunter 241 Berlinerinnen und Berliner. Sie wurden zwischen 1950 und 1953 verhaftet und heimlich vom sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt – meist wegen angeblicher Spionage. 80 Prozent der Gnadengesuche wurden abgelehnt, das Urteil durch Genickschuss in Moskau vollstreckt.

Ihre Leichen wurden binnen einer Stunde zum einzigen Krematorium auf dem Friedhof Donskoje in Moskau gebracht und verbrannt, ist in dem Buch zu erfahren. Die Asche verscharrte man in anonymen Massengräbern.

Zwar wurde die Todesstrafe in der Sowjetunion 1947 abgeschafft, aber schon drei Jahre später wieder eingeführt – explizit für Vaterlandsverräter, Spione und Saboteure. Menschen zu verhaften, wegen Nichtigkeiten zu verurteilen und hinzurichten, sei Anfang der 1950er-Jahre eine übliche Strategie der sowjetischen Besatzungsmacht zur nachhaltigen Herrschaftssicherung gewesen, erklärt die Historikerin Giesen. „Die verhafteten Menschen waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Ihr Schicksal sei in der DDR tabuisiert gewesen. Auch das Los von Fritz Storch.

Bezirksbürgermeister Oliver Igel war es, der die Initiative für die Letze-Adresse-Tafel in der Mengerzeile ergriff. Der SPD-Politiker hat Geschichte studiert und vor seiner Bezirkschef-Laufbahn jahrelang in der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gearbeitet. In seinem Regal stand das Buch „Erschossen in Moskau“. Beim Durchblättern stieß er auf Menschen, die in seinem Bezirk gelebt hatten.

Anfang des vergangenen Jahres begann Igel, sich näher mit Fritz Storch zu beschäftigen, Archive anzuschreiben. Er wollte sicherstellen, dass Storch kein Kriegsverbrecher gewesen sei, sagt der 44 Jahre alte Bürgermeister. Er fand Familienangehörige und wandte sich mit seinem Anliegen, eine „Die letzte Adresse“-Plakette für Storch prägen zu lassen, schließlich an Memorial Deutschland.

Zuletzt sprach Igel mit dem Eigentümer des Hauses in der Mengerzeile, der dem Anbringen einer Erinnerungstafel an der Fassade zustimmen musste. „Die Deutsche Wohnen gab sofort ihr Einverständnis“, sagt Igel.

Fritz Storch mit seiner Frau Gerda und den Zwillingen Brigitte (l.) und Elvira – das Bild stammt aus der Mitte der 1930er-Jahre.
Fritz Storch mit seiner Frau Gerda und den Zwillingen Brigitte (l.) und Elvira – das Bild stammt aus der Mitte der 1930er-Jahre.Gerd Engelsmann

Mit der Tafel sei ein weiteres Erinnerungskapitel eröffnet worden, das zu Treptow-Köpenick gehöre, betont der Bürgermeister. Sie sei ein Ausschnitt des Lebens damals. „Hier wurde geliebt, gelebt, gefeiert und gearbeitet. Hier wurde aber auch verfolgt und gestorben. Das gehört auch dazu“, sagt er. Igel ist sich sicher, dass die Gedenktafel zu Debatten in seinem Bezirk führen werde.

Jutta Jaeger ist den Nachmittag nicht von der Seite ihrer Mutter gewichen. Die Anspannung ist von ihr abgefallen, als die Plakette für ihren Großvater fest im Mauerwerk verankert ist. Viel wisse sie nicht über den Opa, sagt Jutta Jaeger. Für sie sei in ihrer Familiengeschichte immer ein großes schwarzes Loch gewesen. Mit ihrer Mutter habe sie nie darüber reden können. Sie sei jeder Frage ausgewichen, sogar aus dem Zimmer gerannt.

Sie weiß nur, dass ihre Großmutter Gerda Storch wenige Wochen nach dem Verschwinden ihres Mannes von russischen Behörden einbestellt und einem fünf Stunden dauernden Verhör unterzogen worden sei. Darin sei auch Tochter Brigitte der Spionage bezichtigt worden. „Deswegen ist meine Großmutter mit ihren beiden Töchtern, also auch mit meiner Mutter, Ostersonnabend 1951 nach West-Berlin geflohen“, sagt Jutta Jaeger.

Suchanfragen beim Deutschen Roten Kreuz blieben erfolglos. 1954 meldete sich ein Mann, der mit Fritz Storch in Karlshorst inhaftiert war. Er habe erzählt, dass sein Leidensgenosse vor das Militärtribunal gekommen und danach nicht mehr in die Zelle zurückgekehrt sei. Ein Zeichen dafür, dass Storch zum Tode verurteilt wurde.

Gewissheit erst nach fast einem halben Jahrhundert

Wie viele andere Familien der willkürlich verhafteten oder denunzierten Menschen erhielten auch die Angehörigen von Fritz Storch erst nach dem Ende der Sowjetunion Aufschluss über das Schicksal des Verschwundenen. 48 Jahre nach der Verhaftung von Fritz Storch schickte das Auswärtige Amt ein Schreiben der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation an die Familie. Datiert ist es auf den 29. März 1999. Darin teilte die Behörde mit, dass Fritz Storch nach dem Gesetz „Über die Rehabilitierung von Opfern politischer Repressionen“ rehabilitiert worden sei.

Aus dem Dokument geht hervor, dass der Betriebsdirektor am 25. April 1951 vom Militärtribunal der Truppeneinheit 48240 verurteilt worden war – zum Tod durch Erschießen. Das Urteil wurde am 4. Juli 1951 vollstreckt.

„Dieses Schreiben half ein wenig, mit dem Verlust abzuschließen“, sagt Jutta Jaeger. Aber ihr sei damals auch klar geworden, dass der Tod ihres Großvaters kein Einzelfall gewesen sei. „Tausende fielen dem Terror Stalins zum Opfer.“ Von diesen unschuldig hingerichteten Menschen wisse heute kaum jemand etwas. Deswegen sei es so wichtig, mit einer „Letzten Adresse“ an diese Menschen zu erinnern. „Natürlich ist es für uns auch so etwas wie ein Grab, an dem wir trauern können.“

Für Gerda Storch, die Ehefrau von Fritz Storch, kam die Rehabilitierung zu spät. Sie starb 1997, ohne zu wissen, was mit ihrem Mann geschehen ist. Und auch Tochter Brigitte blieb Zeit ihres Lebens die Ungewissheit. Sie starb sechs Jahre vor ihrer Mutter.

Als die Zeremonie in der Mengerzeile nach 90 Minuten zu Ende ist, Rosen und Gerbera neben der Haustür mit der Nummer 8 liegen, schaut die 91-jährige Elvira Jaeger noch einmal auf die Tafel, die in Augenhöhe vor ihr an der Fassade hängt. Sie blickt nachdenklich, ungläubig fast. Ihr Vater ist aus dem Vergessen aufgetaucht.