Er kannte sie alle: Der Filmexperte und Defa-Forscher Ralf Schenk ist gestorben

Ein Nachruf auf den Filmkritiker, Autor, Redakteur, Filmhistoriker, Herausgeber, Drehbuchautor und Regisseur Ralf Schenk

Ralf Schenk (1956-2022)
Ralf Schenk (1956-2022)DEFA-Stiftung/Xavier Bonin

So hätte ich ihn gerne einmal getestet: Mit dem Einverständnis seiner Frau nachts leise an sein Bett treten und dem Schlafenden ins Ohr sprechen: „In welchem frühen Defa-Film, lieber Ralf, muss ein Halbwüchsiger mit seinen Eltern aus dem Westen in den Osten übersiedeln? In welchem Defa-Film hat Hannelore Elsner zusammen mit Dean Reed gespielt? Was war das erste Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase? Na?“ Ich bin ziemlich sicher, dass er mit noch geschlossenen Augen zu murmeln anfinge und mit dem Aufrichten die Titel aufsagen könnte. Ja, das glaube ich wirklich.

1956 wurde er in Thüringen geboren, die Gegend blieb in seiner Sprache. Er schrieb schon als Schüler Filmkritiken in der Zeitung und leitete einen Filmklub. Er studierte Journalistik in Leipzig und leitete, na was wohl, einen Filmklub.

Zehn Filme am Tag

Vielleicht war das seine Lieblingshaltung – von vorn und von oben Bilder zu sehen. Was hätte Ralf Schenk gemacht, wenn es zu seiner Zeit noch kein Kino gegeben hätte? Wandmalereien? Wolkenbeobachtung? Womit hätte er seiner Sucht nach dem Sehen und Hören von Geschichten nachgehen können?

Lebenshöhepunkte waren die Festivals. Wenn ich mich richtig erinnere, erreichte er einen täglichen Schnitt von zehn Filmansichten, freiwillig. Einladungen in Filmauswahlkommissionen und Jurys müssen Ralf wie üppige Büffets angezogen haben. Und er wurde nicht mal dick dabei.

Das Schreiben über Filme war sein Beruf und seine Passion. Spielfilm, Dokumentarfilm, Trickfilm. Gut recherchierte Bücher, Fernsehdokumentationen zur deutschen und internationalen Filmgeschichte, Booklets, Kritiken, DVD-Tipps, Zeitzeugengespräche.

Er war Redakteur bei „Film und Fernsehen“, schrieb für „Weltbühne“, „Wochenpost“, „Filmspiegel“, „Das Magazin“, das „CineGraph“-Filmlexikon, für „Atelier und Bühne“ beim Berliner Rundfunk und etwa ein Dutzend Fernsehdokumentationen. Für die Berliner Zeitung schrieb er zwischen 1999 und 2015 die wöchentliche Kinokolumne „Das fliegende Auge“. Ab 2015 sammelte er unter dem Titel „Defa-Schnitte“ Zensur-Fälle. Das Thema dieser kurzen Texte sind bestürzend dumme, lächerliche, übervorsichtige, entmutigende, folgenschwere Entscheidungen der Politik und Kulturpolitik, aus denen Ralf Schenk so etwas wie eine parallele Film- und Fernsehgeschichte der DDR zusammendenkt.

„Wer war die Defa?“, fragt er im Vorwort seines Buchs „Eine kleine Geschichte der Defa“ von 2006. Bekanntes wolle er nur in Ausnahmen mitteilen – „Wichtiger waren mir selten zitierte oder bisher gänzlich unbekannte Dokumente, die einen Einblick in die tagtäglichen Prozesse des Studios ermöglichen.“

Wie diese Anweisung des Generaldirektors Hans Dieter Mäde vom 26. Juli 1988: „Telefonische, schriftliche oder persönliche Kontaktaufnahmen durch Personen aus dem nichtsozialistischen Ausland, unabhängig davon, ob sie als Privatperson, Firmenvertreter oder Mitarbeiter einer staatlichen Stelle auftreten, sind von den angesprochenen Mitarbeitern des Studios den Bereichsdirektoren mitzuteilen.“ Oder aus dem frühen Bericht einer Abteilung des ZK der SED vom 20. Januar 1953: „Die Arbeit des Klassengegners, ganz besonders im Defa-Spielfilmstudio, ist unverkennbar.“ Aus dieser Abteilung von Kurt Hager kommen, nach einer polnischen Intervention, sehr viele Einwände gegen den Film „Die Schlüssel“ von Egon Günther. Der Film hat am 21. Februar 1974 Premiere. Schon am 27. Februar schreibt der Kulturminister Hoffmann an Kurt Hager: „Wir werden ihn eine Weile laufen lassen und dann normal aus dem Verkehr ziehen.“ „Die Schlüssel“ werden für den Export gesperrt. Zum Buch gehören Stasiberichte, Anschwärzungen von Kollegen, Unterwerfungen. Ohne Ralf Schenks Arbeit wären viele Hintergründe unbekannt.

Unfassbare Sorgfalt

Er war Mitarbeiter des Filmmuseums Potsdam und von 2012 bis 2020 Vorsitzender der Defa-Stiftung, von 2014 bis 2020 Mitglied des Filmbeirats beim Goethe-Institut. Am 4. November 2011 wurde ihm die Ehrendoktorwürde verliehen. Am 6. März 2020 erhielt er von Monika Grütters das Bundesverdienstkreuz für seine Bemühungen um das deutsche Filmerbe. Vom 1. Juni 2012 bis zum 30. Juni 2020 war Ralf Schenk Vorstand der Defa-Stiftung in Berlin.

Wie schaffte es dieser Mann, auch noch unfassbar sorgfältig zu sein? Noch nie habe ich bei ihm eine falsche Jahreszahl oder eine verwechselte Fußnote entdeckt, was bei der Fülle seiner Veröffentlichungen auf eine nahezu genetisch veranlagte Pedanterie verweist.

Außerdem schreibt er auch noch schnell. Ich erinnere mich an die Filmkritiken, die wir zu DDR-Zeiten während der Leipziger Dokumentarfilmwoche für die Rundfunksendung „Atelier und Bühne“ schrieben: Wir saßen in einem Raum und klapperten unsere Texte auf Schreibmaschinen. Wenn Ralf aufstand und rausging, hatte ich mehrere verworfene Anfänge auf einer Seite und saß noch längere Zeit vor dem Nichts. Wirklich. Immer.

Die Liebe zum nicht ganz Geglückten

1989/1990 arbeiteten wir mit neun Kollegen in einer Kommission für die Wiederherstellung und Wiederzulassung der verbotenen Filme in der DDR. Das war eine glückliche, befreiende Zeit. Ralf ist dem Thema mit seiner Kolumne in der Berliner Zeitung treu geblieben und recherchierte immer neue Details für die Hintergrundbeleuchtung.

Eine seiner Eigenschaften – sie ist unmodern, uncool – gefällt mir besonders: seine Liebe zum Film – eine entschiedene, manchmal fast närrische Zuneigung, eine Liebe auch zum nicht ganz Geglückten, eine Liebe zu einer besonderen Szene in einem nicht so ganz besonderen Film. Das ist selten und wird auch so bleiben.

Wie die Defa-Stiftung mitteilt, ist Ralf Schenk am Mittwochmorgen nach schwerer Krankheit in einem Hospiz gestorben, zuletzt lebte er in Friedrichshagen.