Im Reich des Kaisers ohne Kleider

Andersens Märchen vom Kaiser, der sich unsichtbare Kleider nähen lässt, ist ein Lehrstück über Meinungsvielfalt und den langsamen, ruhmlosen Sieg der Wahrheit.

Michael Andrick
Michael AndrickKarolina Kova

Meinungsvielfalt bemisst sich am Denkbaren, an der Palette plausibel begründbarer Ansichten. Das Wertvollste in einer Debatte sind die extremen Thesen. Sie haben den größten Erkenntniswert. Wie stark sie vorkommen und wie sie behandelt werden, zeigt die demokratische Reife eines Landes.

Betrachten wir als Beispiel das Reich des Kaisers ohne Kleider. Der Monarch ist nackt und jeder Höfling findet etwas andere salbungsvolle Worte, die Garderobe des Herrschers zu preisen: Bei Hofe herrscht also Meinungsvielfalt – in einem engen Meinungsspektrum.

Auftritt: Das Kind

„Der Mann da ist ja nackt!“, ruft das Kind bei der Kaiserparade. Damit bereichert es die Diskussion um die extreme Gegenposition zu den Höflingshymnen: Es gibt gar keine neuen Kleider. Und viele stimmen ihm bei. Debattenraum geöffnet! So erkennen wir die Enge des bisherigen Meinungskorridors.

Heikel für Kaiser und Hofstaat: Menschen sind öfters nackt. Das Kind hat Augen, seine Behauptung ist nicht absurd. Deshalb braucht solch ein Kind Mut und gute Nerven. Denn sobald es nicht mehr ignoriert werden kann, wird es von peinlich berührten Hofbeamten attackiert.

Reaktion des Hofstaats

Zunächst verkündet ein Kaiserminister lautstark, das Kind habe „kein Recht, der Parade beizuwohnen“, denn es habe „zu den tollen neuen Kleidern gar nichts beigetragen“.

Kaiserexperten sagen auf allen Kanälen, die neuen Kleider verhinderten zwar nicht wie erhofft den Schweißausbruch, aber doch schwerste Schweißentwicklung, und deshalb dürfe man ihre Unkonventionalität (sie wurden in nur drei Tagen gewebt und dann als „Kleider“ präsentiert, nachdem man den Begriff des Kleides passend umdefiniert hatte), nicht beklagen: Das sei unsolidarisch, asozial und unvernünftig, weil die Waschsalons unter verschwitzter Wäsche kollabieren müssten, so nicht alle die unsichtbaren Kleider anlegten.

Sodann wird die „Nacktheitsthese“ des Kindes vom Verein „Korrektiv – Recherchen für den Hofstaat“ einem „Faktencheck“ unterzogen. Ergebnis: Das Kind habe ohne einschlägige Studien anzugeben einfach seinen Augen getraut und sei somit zu Recht umstritten!

Die Denkbarkeit unsichtbaren Garns wird von einem Rat der die Sache richtig Verstehenden untersucht: Es sei zu früh, das zu bewerten, man solle aber die Kleider- und Sprachordnung bei Hofe nun leicht ändern, um die Kinder zu beruhigen. Vermehrte Erkältungen bei unbekleideten Kaisertreuen habe man nicht untersucht; dazu sei es zwar bereits lange schon zu früh, aber erst viel später wirklich zu spät.

Armes Kind

Das Kind, das ehrlich und mutig war, lernt den Hofstaat noch näher kennen. Seine Wohnung wird wegen Verdacht auf begründeten Verdacht durchsucht; irgendwie kann es kein Bankkonto bekommen und findet keine Lehrstelle.

Das StuPa der Hochschule verkündet zu seiner Immatrikulation eine Resolution: „Für kritischistisches Denken quer zur Paradenführung ist an dieser Universität kein Platz“, da es „ihren Ruf bei Hof“ schädige.

Der Kompromiss

Der Kaiser gibt am Ende zu, dass die neuen Stoffe ihrer Luftigkeit wegen für windige Staatsgeschäfte ungeeignet seien, und zieht sich wieder an, ohne das aber so zu nennen. Die Schneider mit dem unsichtbaren Garn werden eines Nachts, das Kaiserverdienstkreuz an der Brust, diskret des Landes verwiesen.

Die Kaiserkanäle wenden sich schnell einem Turnierwettkampf zu. Man wird emsig, das Land in Fanfarben zu beflaggen und neue Parolen zu üben. Der Friede ist gewahrt.

Michael Andrick ist promovierter Philosoph und seit 2006 in der Wirtschaft tätig. Sein letztes Buch „Erfolgsleere“ ist zugleich Gegenwartsdiagnose der Industriegesellschaft und Heranführung ans Philosophieren.