Vielleicht ist das alles auch ein sprachliches Missverständnis, weil es im Deutschen nur das eine Wort Geschlecht gibt, für das, wofür die englische Sprache die Begriffe „sex“ und „gender“ bereithält. Die Biologin Marie-Luise Vollbrecht wollte am Sonnabend in Berlin über Geschlecht im Sinne von „sex“ sprechen, über das biologische Geschlecht, und nicht über „gender“, also das soziale Geschlecht: „Geschlecht ist nicht gleich Geschlecht. Sex, Gender und warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt“ lautete der Titel ihres Vortrags, den sie im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften halten sollte.
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Doch die Humboldt-Universität (HU) sagte diesen Vortrag ab, nachdem der Arbeitskreis kritischer Jurist:innen zu Gegenprotesten vor dem Hauptgebäude der HU aufgerufen hatte, wo Marie-Luise Vollbrecht im großen Senatssaal sprechen sollte. Die „Behauptung, es gebe nur zwei Geschlechter“, sagt der Arbeitskreis in der Pressemitteilung auf seiner Webseite, sei „nicht nur unwissenschaftlich, sondern menschenverachtend und queer- und trans*feindlich!“ Die Absage wurde von der HU ausdrücklich nicht inhaltlich begründet. Es gebe nur Sicherheitsgründe. Möglicherweise soll der Vortrag sogar nachgeholt werden. Schon jetzt ist er auf YouTube zu sehen.
Die Humboldt-Uni im Verdammungs-Loop der Cancel Culture
Als „umstrittene Biologin“ firmiert Marie-Luise Vollbrecht nun in den Medien, sie war schon aufgrund eines Anfang Juni veröffentlichten Beitrags in der Welt in Erscheinung getreten, den sie mit vier weiteren Wissenschaftlern geschrieben hat. Sie werfen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Unwissenschaftlichkeit vor, da in vielen Sendungen geleugnet werde, dass es zwei biologische Geschlechter gibt. Der Beitrag ist hoch umstritten.
Ohne auf die Debatte einzugehen: Die Absage dieses Vortrags aus Gründen, die mit dem Inhalt nichts zu tun haben, ist bestürzend. Vor allem von einer wissenschaftlichen Einrichtung, einer Hochschule, die ihren Wissenschaftlern unter allen Umständen ermöglichen sollte, ihre Forschungsergebnisse vorzustellen und sich nicht dem Verdammungs-Loop der Cancel Culture zu ergeben.
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Jeder, der sich mit dem Thema Transidentität beschäftigt, erfährt, wie hochkomplex es ist. Viele wissenschaftliche Disziplinen haben etwas dazu beizutragen, durchaus auch Kontroverses. Nicht nur die Biologie, sondern auch die Sexualwissenschaften, die Philosophie, die Anthropologie, die Psychologie und so weiter. Bei diesem Thema zu sagen, man wisse schon alles, wisse, was stimmt und was nicht, und jedem Menschen, der nicht auf derselben Linie liegt, das Wort zu verbieten, und ihn als „transfeindlich“ oder auch als „woke“ abzuqualifizieren, ist intolerant. Und auf Toleranz ist niemand so sehr angewiesen wie Transmenschen.
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