Dieser Berliner verbraucht in seinem Kleingarten keinen Tropfen Trinkwasser

Der Kleingarten von Wolfgang Krüger ist trotzdem grün und üppig. Sein Geheimnis? Ein System aus fünf Regentonnen - und einige einfache Regeln.

In der KGA Habsburg gibt Wolfgang Krüger Tipps, wie man dem kommenden Klimawandel begegnen kann. Er hat seinen Garten bereits danach gestaltet.
In der KGA Habsburg gibt Wolfgang Krüger Tipps, wie man dem kommenden Klimawandel begegnen kann. Er hat seinen Garten bereits danach gestaltet.Sabine Gudath

Kein Stückchen Rasen ist gelb. Nicht mal eine winzige Ecke. Nichts in diesem Garten sieht vertrocknet aus, bis auf ein paar Blätter der Kiwi, die in der Nähe des Eingangstors wächst. Die Pflanze müsse selbst sehen, wo sie bleibt, sagt Wolfgang Krüger. Er werde ihr nicht mehr Wasser zubilligen als anderen Pflanzen. Keine Sonderbehandlung, nur wegen ein paar brauner Blätter. Keinen Extraschluck. „Entweder kommt die Kiwi klar oder sie kommt nicht klar“, sagt Krüger, er klingt ungerührter, als man das von Gärtnern gewohnt ist, die von ihren Pflanzen sprechen.

Krüger läuft an der Kiwi vorbei, an der Hortensie mit den magentafarbenen Blüten, er wisse auch nicht, warum die sich so gut halte, sagt er. Er schaut zu den Zucchini, am Morgen hat er acht Stück geerntet, deutet auf die koreanischen Kräuter, den Mangold. Wenige Schritte später steht er in der Mitte des Gartens am Kaffeetisch, unter einem Baum mit ausladender Krone. Es ist ja nur ein Kleingarten in Berlin-Charlottenburg. Aber was für einer. Alles blüht, wächst, grünt, als erlebe Berlin nicht gerade wieder einen Sommer, in dem es oft anstrengend heiß ist – und vor allem seit Monaten viel zu trocken.

Das eigentliche Wunder aber ist: Alles hier wächst ohne einen einzigen Tropfen Berliner Leitungswasser. Krüger sprengt seinen Garten nie. Er gießt wenig, „im Prinzip nur das Gemüse“, sagt er. Ein paar Blühpflanzen in Kübeln werden auch bedacht, wenn er mit der Kanne herumgeht. Er verteile nie mehr als den Inhalt von fünf Gießkannen, sagt er, die je zehn  Liter fassen. Das gesamte Wasser stammt aus den fünf Regentonnen, die Wolfgang Krüger in seinem Kleingarten verteilt hat. Vier hat er miteinander verbunden, in einem System, das er selbst entwickelt hat.

Das Gemüse wird sparsam gegossen, andere Pflanzen müssen selbst zurechtkommen.
Das Gemüse wird sparsam gegossen, andere Pflanzen müssen selbst zurechtkommen.Sabine Gudath

Wolfgang Krüger ist 74 Jahre alt, Psychotherapeut und Buchautor sowie ehrenamtlicher Schatzmeister der Kleingartenanlage Habsburg in Charlottenburg-Nord. Es ist eine kleine Anlage, nur 37 Parzellen, die neben zwei anderen Gartenkolonien an der breiten Gaußstraße liegt. Gegenüber ist ein Gewerbegebiet, die Stadtautobahn rauscht.

Man betritt die Kleingartenanlage wie eine andere Welt. Sie besteht aus Insektenhotels, Obstbäumen, an denen sich Besucher bedienen dürfen, es gibt einen kleinen Barfußpfad. Tontafeln erklären den Bienentanz. Die Tafeln hat Wolfgang Krügers Frau gestaltet, sie ist Künstlerin und eine der drei Imkerinnen im Verein.

Von „den Unordentlichen“ zur schönsten Kleingartenanlage Berlins

Als er sie vor 14 Jahren kennenlernte, habe er auch ihren Garten kennengelernt, sagt Krüger. Man heirate ja immer eine ganze Welt. Seine Frau ist seit 20 Jahren hier Pächterin. Die KGA Habsburg ist keine typische Kleingartenanlage. Lange seien sie unter Kleingärtnern als „die Unordentlichen“ bekannt gewesen, sagt Krüger. Hier pachteten Leute, die nicht jede Brennnessel aus den Wegen rissen, den Rasen nicht immer kurzhielten.

Im April 2022 wurde die KGA Habsburg dann zur schönsten Kleingartenanlage Berlins gewählt, vor allem ihr Gärtnern „im Einklang mit der Natur“ wurde positiv bewertet. Derzeit ist sie in der Endauswahl des Wettbewerbs um die schönste Anlage in ganz Deutschland. Krüger hofft auf einen weiteren Sieg – der auch ein Sieg für die Sache wäre.

Die Außenseiter sind zu Vorreitern geworden. Wegen der Umweltthemen, die sie hier seit Jahren ernst nehmen. Die Gärtner der KGA Habsburg versuchen, ihre Grundstücke für den Klimawandel fit zu machen. In jeder Saison nehmen sie sich ein Thema vor, Igelschutz, Unkräuter, die Waldgarten-Bewegung. In diesem Jahr ist ihr Thema: Wasser im Garten. Es sei ja klar gewesen, dass das wichtig werde, sagt Krüger.

Regentonnen sollten bedeckt werden und erhöht stehen.
Regentonnen sollten bedeckt werden und erhöht stehen.Sabine Gudath

Es ist das drängendste Thema für Gärtner geworden in dieser Saison. Nicht nur, weil Berlin und Brandenburg ein weiteres Dürrejahr erleben. Es regnet schon wieder zu wenig, der Grundwasserspiegel sinkt, schon im April lag er in Berlin bis zu einen halben Meter unter dem langjährigen Mittelwert. Sondern auch, weil Politiker begonnen haben, Gartenbesitzer zum Wassersparen zu zwingen, weil sie es von allein nicht tun. Im Gegenteil: In den letzten Jahren ist der Verbrauch gestiegen. Der Dürre begegnen viele Gärtner mit häufigerem Sprengen. Der Rasen soll ja weiter schön grün sein, wie sieht das denn sonst aus. Und einen Pool braucht man bei der Hitze auch, oder?

Zuletzt hat die Stadt Frankfurt (Oder) verboten, tagsüber Gärten zu bewässern. In Panketal gilt ein Rasensprengverbot. Neukunden des Wasserverbands Strausberg-Erkner dürfen nur noch 105 Liter Wasser pro Tag und Person verbrauchen, damit bekommt man nicht mal eine Badewanne voll. Auch in Berlin wird über Maßnahmen gegen die Verschwendung diskutiert, auf der Verbotswunschliste des Grünen-Politikers Benedikt Lux, der die Sache vorantreiben will, stehen: Autowäschen mit Trinkwasser, gefüllte Pools, Rasensprengen.

Wann kommen Wasser-Verbote für Gärtnen?

Wolfgang Krüger glaubt, es sei keine Frage mehr, ob Verbote für Gärtner in Berlin kommen. Die Frage sei nur noch, wann sie kommen. In der Berliner Gärtnerszene sei das eigentlich allen klar. Krüger klingt nicht, als fände er das bedrohlich. Es herrsche „Aufbruchstimmung“, sagt er. „Das Bewusstsein, dass man was ändern muss, ist vorhanden bei den Kleingärtnern in Berlin.“ Die Zeitschrift Gartenfreund, Organ des Landesgartenverbands, bringe regelmäßig Anregungen zum Wassersparen. Auch Krüger hat dort im Juni einen Artikel veröffentlicht: „Jeder Tropfen zählt“.

Er persönlich hat, wenn ein Bewässerungsverbot kommt, nichts zu befürchten. Er spült in seinem Garten sogar das Geschirr mit Regenwasser. Und Ökospülmittel. Das Spülwasser wird aufgefangen und weiterverwendet. Leitungswasser? Bräuchten sie fast nur zum Kaffeekochen.

Er bringt eine Kanne, frisch gebrüht, stellt sie zum selbst gemachten Pflaumen-Crumble auf den Tisch. Wenn er erklären soll, wie er das Wunder geschaffen hat, diesen üppig grünen Garten ohne Leitungswasser, setzt er in der Vergangenheit an.

Als seine Frau den Garten einst pachtete, sei er größtenteils leer gewesen, sagt Krüger. „Da hätte man hier Golf spielen können.“ Rasen, ein Baum in der Mitte, Beete. Krügers Frau pflanzte den Apfel- und den Pflaumenbaum. Inzwischen wäre jedes Ballspiel hier unmöglich. Unter den Bäumen ist Platz für den Kaffeetisch und Stühle, neben den koreanischen Kräutern steht eine Liege, es gibt eine von hohem Farn umstandene Bank. Ansonsten sind Beete zu sehen, Hochbeete, Stauden, Büsche, Sträucher.

Krüger erklärt einige Grundsätze, die man beachten muss, wenn man im Garten mit wenig Wasser auskommen will. Der erste lautet: bedecken und beschatten! Das senkt den Verbrauch.

Die Bäume vor dem Bungalow beschatten inzwischen fast den gesamten Rasen, der nicht mehr an Golfrasen erinnert „Wir lassen Löwenzahn wachsen, wir haben Klee gesät“, sagt Krüger. Beide Pflanzen brauchen nicht viel Wasser. An einigen Stellen ist Moos zu sehen. Viele Gärtner bekämpfen Moos im Rasen. Krüger schätzt es als natürlichen Speicher von Feuchtigkeit. Im gesamten Garten ist kein Stück nackte Erde auszumachen, das Wind und Sonne schutzlos ausgesetzt wäre. Wenn man keine Bodendecker pflanzen kann, muss man den Boden mulchen, also mit organischem Material bedecken, erklärt Krüger.

Über dem Vordach des Bungalows sorgt dichter Bewuchs für zusätzliche Kühle. Hier schreibt Krüger seine Bücher.
Über dem Vordach des Bungalows sorgt dichter Bewuchs für zusätzliche Kühle. Hier schreibt Krüger seine Bücher.Sabine Gudath

Das Vordach des Bungalows ist von Blauregen und echtem Wein überwuchert. Die Beete sind in verschiedenen Höhen dicht bepflanzt. Das entspreche dem Prinzip des Waldgartens: Pflanzen auf verschiedenen Ebenen spenden einander Schatten. In seinem Garten, der zusätzlich günstig in einer kleinen Senke liegt, sei es an heißen Tagen bis zu zehn Grad kühler als auf Berlins Straßen. Ein großes Glück, sagt Krüger.

Es werde ja bald noch schlimmer, „in zwanzig Jahren wird es eine höllische Hitze sein“. Am Eingang der KGA Habsburg, vor dem Vereinshaus, haben sie vor zwei Jahren eine Esskastanie gepflanzt, einen Baum, der tief wurzelt, mit Trockenheit klarkommen und eine große Krone bilden soll.

Er befasse sich seit Jahrzehnten mit der Klimakatastrophe, sagt Krüger. Seit den Warnungen des Club of Rome in den 1970ern. Schon vor mehr als 25 Jahren habe er in Berlin geholfen, das Haus zu begrünen, in dem er wohnte, den Hof aufgerissen, damit das Wasser in den Boden sickern kann. Er heizt im Winter seit Langem nur auf 18, 19 Grad, reist seit vier Jahren nur noch mit der Regionalbahn nach Brandenburg, statt in den Süden zu fliegen, sammelt türkische Haselnüsse in Moabit. Die Bäume stünden in der Stadt, aber kaum jemand schätze ihre Früchte. Aus Brennnesseln bereitet er Suppe zu, nach einem Rezept seiner Oma.

Den ersten Teil seiner Kindheit hat Krüger in der Nähe von Wünsdorf in Brandenburg verbracht, bevor er vor dem Mauerbau in den Westen zog. Er stamme aus einer Gärtnerfamilie. Dort habe man nach dem alten Ideal gearbeitet: Der Mensch machte sich die Natur untertan, schuf Anlagen, die viel Wasser und Pflege brauchten.

Krügers zweiter Grundsatz für den wassersparsamen Garten ist das Gegenteil. Er lautet: Die Natur bestimmt.

Seine Frau und er würden im Garten nur Bedingungen schaffen. Pflanzen setzen, die zusammenpassen, und dann beobachten, „wie die Natur miteinander kommuniziert“. Wuchern lassen. Keine Schädlingsbekämpfungsmittel mit Chemie, schon wegen der Bienen. Die Pflanzen müssen auch allein zurechtkommen, wenn es in Berlin über Wochen mal wieder nicht regnet. Krüger und seine Frau halten zunehmend Ausschau nach trockenheitsresistenten Sorten. Die Rosen, die früher im Garten wuchsen, haben die neue Freiheit größtenteils nicht überlebt. Am Fuß des Apfelbaums blüht eine Wildrose.

Die Regentonnen hinter dem Bungalow sind in einem Kaskadensystem durch Schläuche verbunden
Die Regentonnen hinter dem Bungalow sind in einem Kaskadensystem durch Schläuche verbundenSabine Gudath

Die dritte Regel in Krügers Garten lautet: Regentonnen nutzen! Tonnen, nicht Tonne. Eine wird vom Vordach gespeist, das 18 Quadratmeter groß ist, sie fasst 350 Liter, steht erhöht, sodass Krüger das Wasser leicht in die Gießkannen zapfen kann, und ist natürlich abgedeckt, um Mückenplagen vorzubeugen.

Hinter dem Bungalow stehen vier weitere Tonnen, zwei große, die 330 und 450 Liter fassen, und zwei kleinere. Die Tonnen sind in einem Kaskadensystem mit Schläuchen verbunden. Wenn eine voll ist, fließt das Wasser in die nächste. Sie werden vom Dach gespeist, 24 Quadratmeter. Krüger sagt, er habe das alles selbst installiert, es sei „ein Prinzip für Doofe“.

Krüger kann mehr als 1000 Liter Regen auffangen und damit drei Wochen lang sein Gemüse gießen. Neulich seien die Tonnen fast leer gewesen, dann habe es glücklicherweise geregnet. Wenn zehn Liter pro Quadratmeter fallen, füllen sich seine Tonnen mit mehr als 400 Litern.

Warum macht das nicht längst jeder Gärtner? Es gebe kaum einen Anreiz, sagt Krüger, der Kleingärtner. Ein Kubikmeter Trinkwasser, also etwa die Menge, die seine Tonnen fassen, kostet in Deutschland ungefähr zwei Euro.

Der Mensch verändere Dinge meist erst dann, wenn es fast zu spät sei, sagt Wolfgang Krüger, der Psychotherapeut. Beim Wasser sei in Berlin und Brandenburg dieser Punkt nun aber wahrscheinlich erreicht.